Waldshut

Klimawandel und Borkenkäfer bedrohen den Wald

Andreas Gerber

Von Andreas Gerber

Sa, 12. September 2020 um 14:44 Uhr

Kreis Waldshut

Förster Wolfgang Walz sieht für den Wald in seiner bisherigen Form keine Zukunft. Der Klimawandel schreitet zu zügig voran. In seinem Revier hat er nun ein Modellprojekt zur Aufforstung gestartet.

Der Wald ist ein schwerkranker Patient, er liegt im Sterben. "Eine Katastrophe solchen Ausmaßes habe ich im Wald noch nie gesehen", sagt Wolfgang Walz, Förster im Bezirk Albbruck und Dogern. Er muss es wissen. Der 58-Jährige ist seit den 1980er Jahren im Geschäft. Es seien die schwerwiegendsten Waldschäden seit Beginn der Forstwirtschaft vor 200 Jahren. Darin ist er sich einig mit Experten wie Michael Müller, Professor für Waldschutz an der TU Dresden.

Kein Sturm Lothar, kein Waldsterben früherer Jahrzehnte sei mit dem zu vergleichen, was heute im Wald geschehe. "Der Wald, so wie wir ihn kennen", sagt Walz, "wird in dieser Form nicht überleben." Der Klimawandel und in seinem Gefolge der Borkenkäfer machen ihm den Garaus.

"Wir verlieren die Fichte bis in höhere Lagen von 800 Metern."

Die Schadensbilder im Kreis Waldshut scheinen solche Prognosen zu bestätigen. Vielerorts sieht man braune Flächen im Wald. Stark betroffen ist der mittlere Teil des Kreises Waldshut zwischen Laufenburg und Waldshut bis Grafenhausen, beschreibt Walz: "Wir verlieren die Fichte bis in höhere Lagen von 800 Metern."

Der Förster betreut ein Waldgebiet von 1700 Hektar, darunter das Revier Albbruck/Dogern sowie ein Waldgebiet bei Todtmoos. Im Revier Albbruck sterben die Fichten ab einem Alter von 40 Jahren komplett ab. In die jüngeren Fichten geht der Borkenkäfer bislang nicht. Bei einem Gang durch sein Revier zeigen sich diese Schäden eindrücklich. Die noch sehr dünnen Fichten mit 40 sind kaum dem Jugendalter entwachsen, sie sind noch grün, geben für die Ernte aber noch nichts her. Erntezeit ist zwischen 80 und 120 Jahren, so Walz.

Umbau des Waldes geht nicht auf die Schnelle

Das Ausmaß der Vernichtung ist immens, Gebiete mit einer Größe von jeweils mehreren Fußballfeldern zeigen die Dimension der Schäden. Teilweise stehen die toten Bäume noch, teilweise wurde sie in anderen Revieren des Landkreises großflächig geräumt. Dort sind riesige Brachflächen entstanden. In Walz‘ Revier ist die Fichte dominant, deshalb fallen die Schäden so gravierend aus, berichtet er. Schon die Jahre 2018 und 2019 seien schlimm gewesen, "aber in diesem Jahr verlieren wir die Restbestände an Fichten über 40 Jahre."

Weil dieser Nadelbaum in vielen Revieren die dominierende Baumart sei, zeige sich der Verlust so extrem. Seit Langem sei die Forstwirtschaft mit dem Umbau des Waldes beschäftigt. "Aber das geht nicht eben mal so auf die Schnelle", gibt Walz zu bedenken, Wald sei eine Generationensache. "Jetzt werden wir beim Umbau des Waldes von der Entwicklung regelrecht überrollt", schildert Walz.

"Wer wissen will, wie der Klimawandel aussieht, der kann zu mir in den Wald kommen."

"Die klimatische Veränderung, die uns die Forschung für 2050 vorausgesagt hat, ist bereits jetzt eingetreten. Das Tempo überrascht uns alle." Was sich im Moment im Wald abspiele, sei das Ergebnis des Klimawandels und der Erderwärmung. An Klimawandel-Leugner gerichtet, sagt der Förster: "Wer wissen will, wie der Klimawandel aussieht, der kann zu mir in den Wald kommen." Der Borkenkäfer sei dabei nur ein Symptom, die Hauptursachen seien Trockenheit und Hitze. Die Fichten seien dadurch so geschwächt, dass sie sich gegen den Käfer nicht mehr wehren können, so Walz. Früher habe der Wald vor dem Schädling im Winter Ruhe gehabt, bei den heutigen Temperaturen sei er rund ums Jahr aktiv.

Schlimmer als das Waldsterben in den 1980er-Jahren

Der aktuelle Zustand des Waldes sei mit dem Waldsterben in den 80er Jahren nicht mehr zu vergleichen, schüttelt Walz den Kopf. "Wir sind hier auf forstlichem Neuland unterwegs". Die Forstwirtschaft könne nicht auf frühere Erfahrungen zurückgreifen, bedauert Walz, denn eine solche Situation gab es praktisch noch nie. Die Lehre sei, künftig Bäume anzupflanzen, die die zunehmende Hitze und Trockenheit besser vertragen. "Mittlerweile gehen uns aber die heimischen Baumsorten langsam aus", sagt Walz. So sei die Buche vielfach auch geschädigt – nicht durch den Käfer, sondern direkt durch Hitze und Trockenheit. Oft seien bereits im Hochsommer Herbstsymptome an Laubbäumen zu beachten. Teilweise greife man nun auf mediterrane Sorten zurück. Letztlich sei es dann aber eine Art "Ausprobieren", ob es funktioniert. Nur das mit "Ausprobieren" sei in der Forstwirtschaft eben eine Sache von Jahrzehnten. Die Crux dabei: Solche Zeiträume habe man in Zeiten des rasenden Klimawandels nicht mehr.

Walz hat für sein Revier jetzt ein Modellprojekt begonnen. Für die Wiederaufforstung von Totholz-Flächen gebe es unterschiedliche Konzepte – einmal den Kahlschlag und anschließende Aufforstung auf der Brachfläche. Oder andererseits: Die Aufzucht des neuen Jungwaldes im Schutz der toten Bäume. Beides habe Vor- und Nachteile, sagt Walz, er wolle im Albbrucker Revier die zweite Variante anwenden. Die Aufforstung von Brachflächen sei schwieriger und teurer. Die Brachflächen seien praller Sonneneinstrahlung ausgesetzt und verlieren ihr Waldklima, so Walz.

Aufzucht im Schutz toter Bäume

Im toten Fichtenwald sei das anders. Er liefere weiter Beschattung, das sei vorteilhaft für den Wasserhaushalt im Boden, zudem seien die Jungpflanzen geschützter. Die Nachteile dieser Methode sieht aber auch Walz: Die betroffene Waldfläche müsse innerhalb eines Jahres für den neuen Aufwuchs vorbereitet sein. Denn dann steige die Unfallgefahr für die Waldarbeiter, aber auch für Wanderer, Pilzsammler oder andere Waldbesucher. Dazu müsste entsprechend gesperrt werden. Für Walz steht dennoch fest: Er will in seinem Revier keine großen Brachflächen haben.

Beim Gang durch sein Revier zeigt Walz, wie er sich das vorstellt. Auf einer großen Schadfläche stehen jede Mengen tote Fichten. Sie sind braun, haben keine einzige Nadel mehr. "Im Januar waren die noch grün", beschreibt der Förster die rasende Entwicklung. Im Moment sei die Statik der Bäume noch stabil und sie liefern noch Beschattung. Am Boden wachsen aus natürlicher Aussamung im Unterwald kleine Fichten, Douglasien und Weißtannen und kleine Laubbäume, zeigt Förster Walz. Die kleinen Fichten werden weichen müssen, die Zukunft in diesem Waldstück soll den robusteren Weißtannen und Douglasien in einer Mischung mit Traubeneichen, Esskastanien und Linden gehören.

Mehr zum Thema: