Psychische Gesundheit

Klinikchefin über Depression: "Es wird viel zu oft nicht erkannt"

Dominik Heißler

Von Dominik Heißler

Mo, 07. Oktober 2019 um 20:25 Uhr

Glottertal

Millionen Menschen erkranken hierzulande jedes Jahr an einer Depression. Doch nur wenige sprechen darüber. Die Chefin der Rehaklinik Glotterbad über erste Anzeichen – und Hilfe zur Selbsthilfe.

In der Rehaklinik Glotterbad dreht sich am Mittwoch, 9. Oktober 2019 ein Kongress um das Thema Depression. Dominik Heißler hat darüber im Vorfeld mit Klinikchefin Britta Menne gesprochen.

Woran merke ich, dass ich eine Depression habe?

Menne: Einen Tag eine schlechte Stimmung zu haben, ist keine Depression. Es ist erst eine, wenn ich mindestens 14 Tage traurig, gedrückt und antriebslos bin. Häufig fängt das schleichend an. Jemand, der hochbelastet ist, merkt zum Beispiel, dass er sich zurückzieht, dass er anfängt, zu grübeln, Appetit verliert, nicht mehr gut schläft, Gewicht abnimmt – so kommen immer mehr Symptome dazu. Je mehr körperliche Symptome dazu kommen, desto schwerwiegender ist die Depression.

Worüber grübeln depressiv Erkrankte?

Menne: Sie halten sich für eine Last, denken: Ich bin nichts, ich kann nichts, ich tauge nichts, aus mir wird nie was werden. Sie ziehen sich zurück, geraten in eine Abwärtsspirale, aus der sie von selbst nicht mehr herauskommen – bis dahin, dass sie das Bett nicht mehr verlassen, die Körperpflege vernachlässigen, in suizidale Gedanken hineinkommen. Oft ziehen sich auch die Menschen drum herum zurück, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen oder nicht erkennen, dass jemand depressiv ist. Sie sehen nur: Der Betroffene hält weniger Kontakt, schaut nicht mehr so freundlich, ist schnell überfordert, wenn sie etwas von ihm möchten.

Gibt es Faktoren, die eine Depression wahrscheinlicher machen?

Menne: Die Lebenserfahrungen können dafür empfindlich machen, solche Gedanken und Selbstwertprobleme zu entwickeln: bindungstraumatische Erfahrungen, oft in der frühen Kindheit, Traumafolgen, der Tod eines Angehörigen, Arbeitsstress, Angst vor Arbeitsverlust, aber auch genetische Faktoren, wenn es in der Familie schon Depressionen gab.

Ist Depression in Deutschland weit verbreitet?

Menne: Depression ist eine Volkskrankheit. Über acht Prozent aller Bundesbürger erkranken innerhalb eines Jahres an Depression, das sind 5,3 Millionen Menschen. Neben orthopädischen, Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen ist das der häufigste Grund für Krankschreibungen. Dennoch: Es wird noch viel zu oft nicht erkannt. Weil sich die Betroffenen schämen, sie ihren Hausarzt nur selten sehen, die Erkrankung nicht ernst genommen wird.

Wie kann Selbsthilfe aussehen?

Menne: Ziel von Selbsthilfe ist es, Strategien an die Hand zu bekommen, mit denen ich mir selbst helfen kann. Betroffene lernen, trotz ihrer Erkrankung im Alltag so gut wie möglich klarzukommen. Dafür können sie sich in einer Selbsthilfegruppe treffen, wo sie sich gegenseitig auf Augenhöhe unterstützen und Wissen austauschen, etwa wo es einen guten Therapeuten, welche finanziellen Möglichkeiten es gibt und wie andere mit der Erkrankung umgehen. Fachberater haben da nur etwas zu suchen, wenn die Gruppe das für sinnvoll erachtet. Die Patienten sind Experten ihrer Störung. Für neu Erkrankte ist das gut, weil dadurch die Eigenverantwortung sehr gestärkt werden kann. Selbsthilfe kann ganz verschieden sein und nicht nur Wissensvermittlung bedeuten. Bei Menschen mit chronischen Schmerzen kann das auch ganz praktisch heißen: Morgen laufen wir gemeinsam.

Wie organisieren sich solche Gruppen?

Menne: Die meisten Selbsthilfegruppen treffen sich nicht in Kliniken, sondern im öffentlichen Raum. Selbsthilfe-Kontaktstellen helfen bei der Organisation und der Vermittlung. Dafür ist eine enge Zusammenarbeit auf allen Ebenen hilfreich: Hausarztpraxen, Kliniken, Therapie, Betroffene.

Ist Selbsthilfe reine Nachsorge?

Menne: Nachsorge kann auch Selbsthilfe sein, umfasst aber mehr. Dazu gehört vor allem gezielte professionelle Versorgung. In der Selbsthilfe kann ich mich dagegen freiwillig mit anderen Betroffenen austauschen, mich selbst informieren und versuchen, bestimmte Symptome durch das Anwenden von gelernten Fähigkeiten zu bewältigen. Selbsthilfe ersetzt keine Behandlung, ist aber für die Akteure im Gesundheitssystem eine wichtige Unterstützungsinstanz geworden.

Wie läuft die Zusammenarbeit ab?

Menne: Wir wollen die Arbeit und das Wissen der Selbsthilfegruppen wertschätzend miteinbeziehen und den Aufbau von Selbsthilfegruppen unterstützen. Gerade im Bereich der Traumafolgestörungen gibt es nicht viele Gruppen vor Ort. In der Zusammenarbeit ist die Vernetzung der verschiedenen Akteure ebenfalls sehr wichtig, damit die Informationen an alle Beteiligten wandern. Die Kliniken sollen erfahren, was Betroffene umtreibt. Und die Betroffenen, was in den Kliniken vermittelt wird, welche Therapien wichtig sind. Damit wird die Versorgungslage insgesamt besser.
Britta Menne ist Ärztliche Direktorin der Rehaklinik Glotterbad und des Zentrums für ambulante, psychosomatische Rehabilitation. Die 57-Jährige wohnt in Freiburg.

Die Veranstaltung

Praxisnahe Vorträge rund um Depression, Nachsorge und Selbsthilfe sollen Betroffene, deren Angehörige, Ärzte, Psychologen und Therapeuten am Mittwoch, 9. Oktober, informieren und miteinander in Austausch bringen darüber, "was im Umgang mit der Krankheit gut läuft und was nicht". Die Veranstaltung heißt "Selbsthilfe im Gesundheitswesen – Chancen und Herausforderungen der Zusammenarbeit" und erfolgt im Rahmen des Rehakongresses 2019 in der Rehaklinik Glotterbad, Gehrenstraße 10, in Glottertal. Anmeldungen nimmt Petra Klaiber per Mail entgegen unter
p.klaiber@rehaklinik-glotterbad.de oder Tel. 07684/809121. Auch spontane Gäste sind gern gesehen.