Zahlungssysteme

Kontaktloses Bezahlen soll sich bald durchsetzen

Hanna Gersmann

Von Hanna Gersmann

Sa, 25. Februar 2017 um 00:01 Uhr

Geld & Finanzen

Ohne Münzen, nur ein Schwenk mit der Kreditkarte: Die Technik, Einkäufe quasi im Vorbeigehen zu zahlen, gibt es längst. Bisher nutzt sie aber kaum jemand. In diesem Jahr könnte sich das ändern.

Kleingeld kann ganz schön nerven. An der Kasse kramt der Mann umständlich Cent für Cent aus der Hosentasche, bis er passend zahlt. Die Schlange, die sich hinter ihm bildet, kümmert ihn nicht. Die Zeit rennt. Das kann sich in diesem Jahr ändern: Kunden werden viel öfter ohne Scheine und Münzen, auch ohne Unterschrift und PIN-Code zahlen.

Bisherige Versuche, den Deutschen das Bargeld abzugewöhnen, sind bei den Verbrauchern bisher nicht so recht angekommen. Im Internet zahlen viele mit Paypal, Sofortüberweisungen und anderen neu entwickelten Verfahren. An der Kasse nicht. Doch nun sind sich Experten einig: "Die neuen Bezahlverfahren kommen", sagt Frank-Christian Pauli, der den Markt für den VZBV, den Verbraucherzentrale Bundesverband, beobachtet. "Da ändert sich einiges, wir sind im Übergang", erklärt Ulrich Binnebößel, Experte für Zahlungssysteme beim HDE, dem Handelsverband Deutschland. Marco Liesenjohann vom Digitalverband Bitkom ist gleicher Meinung.

Von "kontaktlosen Zahlen" sprechen die Experten. Nötig ist dafür eine Girokarte (einst die EC-Karte) oder eine Kreditkarte der modernen Generation. Zu erkennen sind diese am aufgedruckten blauen Wellensymbol. Das Emblem zeigt: Sie sind mit einem Mikrochip oder einer unsichtbaren Funkantenne ausgestattet. Das Prinzip: "Der Kunde hält die Karte an den Bezahlterminal, er muss sie nicht mehr in einen Schlitz schieben, wartet kurz – fertig. Es piept und das Geld ist abgebucht", sagte Liesenjohann. Lesegerät und Kartenchip tauschten in einem Abstand von wenigen Zentimetern Daten wie Kartennummer, Gültigkeitsdatum und Betrag aus. So fix geht das allerdings nur bei Beträgen unter 25 Euro. Bei höheren Summen sind weiterhin PIN oder Unterschrift nötig.

Nicht mehr stecken, nur noch hinhalten – das ist heute schon an vielen Kassen möglich. Der Handel habe schon vor einiger Zeit damit angefangen, auf "Tap & Go" umzurüsten, sagt Branchenkenner Binnebößel. Zu den Ersten hätten etwa Discounter wie Aldi und Lidl gehört. Auch bei Drogerieketten wie DM und Rossmann, bei Supermärkten wie Rewe und Edeka oder in Parfümerien der Douglas-Gruppe könne bereits kontaktlos gezahlt werden. In 60 Prozent der großen Ketten und 20 Prozent der kleineren Unternehmen ließe sich heute schon mit einem Kartenschwenk zahlen. Bis Ende dieses Jahres solle das dann "fast überall" möglich sein – in Gartencentern, Tankstellen, Kiosken. Auf den Terminals prangen ebenfalls blaue Funkwellen. Dahinter steckt die Funktechnik NFC, kurz für Near Field Communication. Diese Nahfeldkommunikation sei "schneller und robuster" als alles Bisherige, meint Binnebößel.

Vor allem Kreditkarten, etwa die von Mastercard oder Visa, haben schon die neue Funktion. Volksbanken, Sparkassen und andere treiben das kontaktlose Bezahlen aber auch bei der Girocard voran. In vielen Smartphones steckt die Technik übrigens auch. Wer sie nutzen will, muss sich eine sogenannte Wallet-App runterladen.

Eigentlich soll man ohnehin seine Kontoauszüge regelmäßig durchschauen. Doch mit der neuen Technik sei dies noch mal extra ratsam, sagt Verbraucherschützer Pauli. "Melden Sie alle Überweisungen, die Ihnen komisch vorkommen, schnellstmöglich dem Finanzinstitut." Der Kunde hafte in der Regel bis zu einem Betrag von 150 Euro. Schäden darüber hinaus müsse aber die Bank übernehmen, wenn etwa Betrüger es schafften, die Karten zu knacken, auszulesen und teuer im Internet einzukaufen. Und werde die Karte von jemandem ergaunert, müsse man sie wie in der Vergangenheit möglichst schnell sperren lassen.

Im Grunde sei ausgeschlossen, dass man aus Versehen zahlt, wenn man nur an einer Kasse vorbeigeht, sagt Verbraucherschützer Pauli. Wer auf Nummer sicher gehen will, könne die Karte aber in eine speziell beschichtete Hülle verwahren, die jegliche Funkverbindungen verhindert. Zum Teil würden sie von den Banken selbst angeboten. In Online-Shops gebe es sie für rund fünf Euro. Verdeckte Gebühren müsse der Verbraucher für die neuen Karten nicht fürchten, meint Pauli. Es sei alles ähnlich den bisherigen Karten. Dies treffe auch auf den Datenschutz zu.

Der Kartenschwenk sei vorerst nur eine "weitere Möglichkeit beim Einkaufen", sagt Handelsexperte Einnebeln. "Statt einer Karte kann der notwendige Mikrochip theoretisch in alles Mögliche eingebaut werden." In Tokio halten Japaner ihre Handtaschen, in den ein Mikrochip eingenäht ist, vor die S-Bahn-Schranke – und schon ist das Fahrtgeld bezahlt. In Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen haben von Visa gesponserte Sportler einen Ring zum Zahlen getestet: Er ist aus Keramik, wasserdicht und funktioniert ohne Batterien oder Akku. In Deutschland gibt es das alles nicht. Noch nicht.