Die Geschichte als Bindeglied

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Fr, 05. Juli 2019

Kunst

Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis zeigt Werke von Picasso, Esser und Forstner.

"Wenn es ein Bindeglied gibt, dann ist es die Geschichte", sagt Pierre-Jean Sugier über die drei Ausstellungen, die in der Saint-Louiser Fondation Fernet-Branca noch bis in den Herbst hinein zu sehen sind. Es sind persönliche und Familiengeschichten, von denen der Museumschef spricht. Es ist aber auch Historie, die sich in Landschaften eingeschrieben hat. Das gilt angefangen bei Pablo Picassos Freundschaft mit Jaime Sabartés, führt über das posthum gestörte Verhältnis des Malers Gregory Forstner zu seinem SS-Großvater und endet bei den mit ihrer Geschichte verwebten Landschaftsbildern des Fotografen Elger Esser.

Picasso/Sabartés
Als Picasso-Jahr wird 2019 in die Basler Kulturgeschichte eingehen, lockte doch eben erst das Frühwerk des Jahrhundertgenies die Massen in die Riehener Fondation Beyeler, während noch bis in den August die Kubisten das Kunstmuseum bevölkern. Saint-Louis widmet derweil vorwiegend mit Grafiken zur lebenslangen Freundschaft des Meisters mit dem Gründer des Barceloneser Picasso-Museums Jaime Sabartés eine eigene Schau mit rund 100 Werken. Die beiden 1881 geborenen Katalanen kanneten sich seit 1899. Vor allem karikaturistisch stellte Picasso Sabartés vielfach dar, der sich umgekehrt mit Texten revanchierte, die er über den Freund publizierte.

Picasso war es zur Gewohnheit geworden, ihm von jeder seiner Grafiken je ein Exemplar zukommen zu lassen. 1962 stiftete Sabartés insgesamt 362 Arbeiten, darunter allein 238 Lithografien der Stadt Barcelona. Picasso selbst übergab der Stadt nach Sabatrés‘ Tod 1968 weitere Werke und seinen Teil des sehr umfangreichen Briefwechsels. Zu sehen sind in der Fondation Fernet-Branca jetzt Grafiken und einige Zeichnungen aus verschiedenen Schaffensphasen, aber auch historische Dokumente.

Elger Esser
Eine Art Wanderung durch Raum und Zeit sind die Landschaftsfotografien des 1967 in Stuttgart geborenen Elger Esser, der in den 1990er Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Bernd und Hilla Becher studiert hat. Anders als seine Lehrer, die mit formal strengen Bildern etwa von Förder- und Wassertürmen ihre Düsseldorfer Schule begründet hatten, arbeitet der Deutsch-Franzose mit zerfließenden Horizontlinien, mit flirrendem Licht, ab und an kontrastiert von fast unwirklicher Schärfe. Dann sind es wieder lange Belichtungszeiten, die Grenzen auflösen zwischen Erde, Wasser und Himmel.

Zu sehen sind jetzt vor allem Aufnahmen, die Esser bei Reisen in den Libanon, nach Ägypten und Israel aufgenommen hat und unter dem poetischen Titel "Morgenland" zeigt. Sie sind zum Teil von einem Sepiaton überzogen, der die Farbe von Sand mit der Aura von älteren Aufnahmen vermischt und vermitteln Ruhe und Frieden. Von aggressivem Islamismus, blutigem Terror, Krieg, Flucht und Vertreibung ist in diesen Bildern nichts zu spüren, dennoch legt sich auch diese jüngste Geschichte darüber. Eine 2011 in Ägypten entstandene Doppelbelichtung wirkt wirklich-unwirklich. Fata Morgana hat Esser das Bild folgerichtig genannt.

Gregory Forstner
Mit rund 50 Werken ist schließlich der 1973 in Kamerun als Sohn einer deutschen Mutter und eines österreichischen Vaters geborene Gregory Forstner vertreten. In seinen großformatigen Ölgemälden fließen Anregungen aus der Kunstgeschichte mit einer Art persönlicher Mythologie zusammen. Es geht bei Forstner um Maskeraden, um Verstellung und Lug und Trug, vielfach aber auch um Tierfiguren, die in menschliche Rollen schlüpfen. Ein wichtiger Auslöser für das Spiel um brüchige Wahrheiten ist der in Forstners Familie einst hochgeschätzte väterliche Großvater, von dessen SS-Mitgliedschaft der Enkel erst aus Fotos erfährt.

George Orwells "Animal Farm" begegnet gleichsam George Grosz‘ berühmten "Stützen der Gesellschaft". Die Tiere, zumeist Hunde, tragen Uniform und Stahlhelm, sitzen im Narrenschiff oder posieren in Samt und Spitzenkragen und lassen sich anhecheln von einem ihnen zu Füßen liegenden besten Freund des Menschen. Sowohl Forstner als auch Elger Esser sind mit ihren Werken schon in den großen Museen der Welt vertreten, so etwa im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence, im New Yorker Guggenheim Museum oder dem Amsterdamer Rijksmuseum.

Fondation Fernet-Branca, 2, rue du Ballon, Saint-Louis. Picasso bis 15. September, Elger Esser und Gregory Forstner bis 29. September, Mi-So 13-18 Uhr