Ohne Zwang

Freiburger Jugendkunstparkour lebt von der Freiheit, sich auszuprobieren

Hanna Fedricks-Zelaya

Von Hanna Fedricks-Zelaya

Di, 16. Juli 2019

Kunst

Der siebte Freiburger Jugendkunstparkour lebte von der Freiheit, sich auszuprobieren – ohne den Zwang, Ergebnisse zu liefern.

Ein riesiger Fisch aus Plastikmüll hängt zwischen einigen Säulen, ein paar Schritte weiter steht das Porträt einer schwarzen Frau auf dem Boden, ein Metallgitter ist teilweise davorgeschoben. Aktuelle Themen fließen auch bei der siebten Auflage des Freiburger Jugendkunstparkours in die Kunstwerke der jungen Menschen ein. Seit Mitte März hatten diese bei dem Projekt des E-Werks, der Projektwerkstatt Kubus und ArTik die Möglichkeit, unter professioneller Begleitung in den Sparten Theater, Tanz und bildende Kunst frei zu arbeiten und sich auszuprobieren. Gefördert wird das Programm durch das Kulturamt der Stadt, die Sick Stiftung und die Sparkasse. Beim Finale Grande am vergangenen Wochenende hatten nun alle Teilnehmer die Möglichkeit, das Erschaffene zu präsentieren.

Im Bunker hallen Stimmen durch die Dunkelheit, vermischen sich Musik, Gelächter und Vogelgezwitscher gleich fernen Erinnerungen. Im Raum daneben steht eine einzige zusammengeschweißte Kugel aus Metall, etwas größer als ein Motorradhelm, auf einer Eisenstange. Der Besucher, der hineinblickt, sieht sich selbst – vielfach fragmentiert, von Scherben gespiegelt.

Entscheidend ist der

Wandel, das freie Denken

Der Raum daneben ist von Neonröhren blau erleuchtet. Alfonso Lipardi geht durch die Ausstellungsräume der "Jungen Kunst". Bleibt stehen, hebt die Arme und sagt: "Der Raum selbst ist dieses Mal zum Kunstobjekt geworden – passend zum Motto "ausARTen"." Er betreut gemeinsam mit Jikke Ligteningen das Kunstatelier. Die Neonröhren um ihn herum beleuchten viele kleine Wasserbecken, Installationen und Gemälde, die miteinander verbunden zu sein scheinen. Bis hinauf zum Kubus reichen die Verbindungen; hier sind es alte Feuerwehr- schläuche, die in die Installation in der großen Halle übergehen.

Dort ist ein Gemeinschaftsprojekt entstanden, in dessen Mitte ein Kubus baumelt. "Wir waren sozusagen ein kleines Kunstkollektiv", sagt Jürgen Oschwald, der das Projekt betreut. Entscheidend sei der Entstehungsprozess, sagt er, der stetige Wandel, das freie Denken. Was letztendlich zu sehen sei, sei zweitrangig. Er erlebe immer mehr junge Menschen, deren Leben getaktet sei und selbst im Studium kaum Freiraum lasse. Mit dem Projekt will er eine Plattform bieten, Freiheiten zu schaffen und zu nutzen, sich ausprobieren zu können, ohne auf ein Ergebnis hinzuarbeiten.

Auch in der Produktion des Theaterateliers waren die Jugendlichen frei. "Ich wollte keine Form vorgeben, das Stück sollte sich entwickeln", sagt Macelo Miguel, der die Gruppe leitete. Das Thema Freiheit ist im Ergebnis spürbar, wie auch weitere große Themen, die wohl jeden Menschen betreffen: Leben, Liebe, Tod und Angst. "Was bleibt?" ist biografisches Theater, das sich aus den persönlichen Erlebnissen der Schauspieler zusammensetzt. Sie erzählen von ihren Träumen, von einer besonderen Begegnung, von der fast tödlichen Krankheit der Schwester, von fünf Vögeln, die auf grausame Weise sterben, von glücklichen und schmerzhaften Erlebnissen in der Kindheit – von Momenten, die ihnen bleiben, die sie in ihrem weiteren Leben begleitet haben und noch begleiten. "Wir können unsere Vergangenheit nicht hinter uns lassen, sie ist ein Teil von uns und formt unsere Gegenwart", sagt Miguel.

Es sind kleine Erzählungen der Schauspieler, mal direkt dem Publikum erzählt, mal den Mitspielenden auf der Bühne, mal szenisch dargestellt, mal fast schon getanzt. Einmal springen die jungen Darsteller zusammen von einer Brücke, fliegen frei und glücklich. Erst als ihnen bewusst wird, dass sie keine Flügel haben, stürzen sie einer nach dem anderen ab. Sie schreien gegen die Freiburger Mieten an, stellen ihre imaginären Freundinnen vor, erinnern sich an ihren ersten Kuss.

Kaum etwas davon ist vorgeschriebener Text, die Schauspieler erzählen größtenteils frei, dadurch wirken sie unmittelbar, ehrlich, und das Stück bekommt eine natürliche Lebendigkeit. Es sei die Sehnsucht nach Ehrlichkeit, die biografische Stücke wie "Was bleibt?" gerade in der heutigen Zeit erfolgreich machten, sagt Regisseur Miguel.

Erfolgreich war auch die "Floor Connection Breaking Battle". Vom Samstagnachmittag bis in den späten Abend hinein lieferten sich Breakdancer, die teilweise aus Frankreich, Belgien und sogar Holland angereist waren, einen Tanzwettstreit, bei dem es auf den richtigen Bodenkontakt ankam. Lockere Atmosphäre und starke Beats zogen vor allem jüngeres Publikum an, und in den Pausen war die Tanzfläche freigegeben für alle, die sich auch mal ausprobieren wollten.