Marathon-Schaulauf

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Mi, 11. September 2019

Kunst

Die Freiburger Kunsthäuser und Galerien starten am Freitag mit der gemeinsamen "Nocturne" in die neue Saison.

Irgendwann, wenn die Abende kühler werden und sich der Sommer dem Ende entgegen neigt, wenn die großen Gegenwartskunst-Ausstellungen in den Freiburger Museen schließen – wie am vergangenen Wochenende das spektakuläre Freundschaftsspiel des Museums für Neue Kunst mit der großartigen Sammlung Grässlin aus St. Georgen –, dann kehrt für einen kurzen Moment Ruhe ein. Es ist die jährliche Kunstpause vor der "Nocturne", gerade lang genug, um einmal tief Luft zu holen für den vierstündigen Marathon-Schaulauf mit insgesamt 13 Etappen. Mehr Kunst als an diesem ersten Freitag nach den Sommerferien, wenn wie gewohnt nahezu alle Kunsthäuser und Galerien in der Stadt zum gemeinsamen Saisonstart laden, wird es hier in diesem Jahr nicht mehr an einem einzigen Abend zu sehen geben.

Um dem zu erwartenden Gedränge am Freitag zu entkommen, haben einige Nocturne-Teilnehmer ihre Herbstausstellungen bereits einige Tage vorher eröffnet – so unter anderen die Künstlerwerkstatt L6 mit einem Pas-de-deux des Holzplastikers Jan Douma und der Naturfotografin Veronika Grüger sowie die Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk, die mit zwei Ausstellungen über die Herausforderungen der liberalen Demokratie im dreißigsten Jahr nach dem Ende der Kalten Kriegs in die Saison startet. Zu sehen sind unter anderem bemerkenswerte politik- und ökonomiekritische Seidenmalereien des in London lebenden Südkoreaners Hun Kyu Kim sowie Videodokumentationen von Sven Johne über Aussteiger und Ausgestoßene in Osteuropa.

Der Zusammenhang von Bild, Sprache und Wahrnehmung

Bereits am vergangenen Wochenende eröffnete Marek Kralewski in seiner Galerie in der Basler Straße eine kompakte Soloschau des Freiburger Malers Werner Windisch, der mit seinen Bildern unter dem Grace-Jones-Slogan "I’ll Never Write My Memoires" das Verhältnis von Minimalismus und Glamour erkundet. Auch die Galerie Meier präsentiert zum Kunstrundgang die schon länger laufende Sommerausstellung, unter anderem mit farbsatten Bildern von Wolfram Scheffel, Ursula Jüngst und Hans-Joachim Billib.

Pünktlich zur "Nocturne" hingegen eröffnet Gudrun Selz in ihrer Galerie G in der Reichsgrafenstraße eine Soloschau des Frankfurters Klaus Schneider, der sich in seinen Aquarellen und Malereien mit dem Zusammenhang von Bild, Sprache und Wahrnehmung auseinandersetzt. Albert Baumgarten zeigt die wunderbar zarten, in ihrer Sepia-Tonigkeit wie aus der Zeit gefallenen Stillleben, Bonsai- und Landschaftsfotografien des Japaners Yamamoto Masao, und während die in Los Angeles geborene Wahl-Freiburgerin Lydia Leigh Clarke bei Ulrike Claeys in der Kirchstraße mit ihren neuen Bildern den Rhythmen der Farben und Formen eines Tages nachspürt, gibt Robyn Kelch nur wenige Gehminuten entfernt in ihrer Galerie Artkelch in der Günterstalstraße Einblick in eine abstrakte Bildwelt abseits des westlichen Kanons. Die Gruppenschau "Rendezvous" inszeniert in drei Dutzend Arbeiten auf feiner Rinde ein Zusammentreffen von Künstlerinnen der Aborigines aus dem östlichen Arnhemland und ihren männlichen Kollegen aus dem Westteil des Siedlungsgebiets an der nordaustralischen Küste.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit dürfte an diesem Abend aber neben der konzeptuellen Auseinandersetzung von Caroline von Gunten und Alain Jenzer mit Albrecht Dürers Aquarell "Das große Rasenstück" im Kunsthaus L6 die vielteilige Versuchsanordnung "Abschied vom Außen" im Kunstverein Freiburg stehen. Angesichts der wachsenden Bedrohung der Lebensgrundlagen der Menschen macht sich das sechsköpfige Kuratorenteam um den Medienwissenschaftler und Medienkünstler Daniel Fetzner auf die Suche nach einer neuen Perspektive auf die Erde.

Inspiriert vom Begriff des "Terrestrischen", mit dem der französische Soziologe Bruno Latour den Gegenstand dieses suchenden Blicks umreißt, wird das ambitionierte Kunstprojekt in den nächsten Wochen in vielerlei Performances, Installationen, Workshops und Vorträgen bislang unbekannte, nicht geplante Zustände annehmen und auch in andere Kunsträume in der Stadt wuchern – wie etwa mit Florian Tiedjes Arbeit "Wildfremd" ins Kulturwerk T66. Den Anfang des "Abschieds vom Außen" macht am Eröffnungsabend übrigens eine Voodoo-Performance im Geist des 1758 ermordeten haitianischen Sklaven François Makandal.

Nocturne: Freitag, 13. September,
18–22 Uhr. http://www.kunst-in-freiburg.de