Absurdes Theater gegen die Welterlösungsideologien

Susanne Kerkovius

Von Susanne Kerkovius

Di, 16. April 2019

Lahr

Katja Rothbächer, Ralf Kuchheuser uns Reinhard Kattinger spielen unter der Regie von Christopher Kern Ionescos "Die Stühle" in Lahr .

LAHR. Die Theaterbühne im Keller spielt im Gedenken an den 2018 frühverstorbenen Alexander Tschinwa, ehemals Vorstandsmitglied, das von Eugène Ionesco 1951 geschriebene und im April des folgenden Jahres uraufgeführte absurde Stück "Die Stühle", das dem Verstorbenen besonders am Herzen lag. Das erläuterte der Regisseur Christopher Kern dem Publikum in seiner Begrüßungsansprache. Die Bühne des Lahrer Stiftsschaffneikellers eignet sich für dieses Zweipersonenstück besonders gut, sie bietet Platz für 33 langsam sich ansammelnde leere Stühle und ein um sie herum agierendes Ehepaar.

Das Bühnenbild ist einfach – links und rechts deuten zwei wehende Vorhänge mit Meeresrauschen dahinter an, dass man sich oberhalb des Wassers in einem Turm befindet, im mittleren Hintergrund steht eine große leere Schultafel, zwei Stühle in der Mitte werden von Semiramis und Poppy (genannt "Schätzchen") besetzt, beide jenseits der 90. Poppy , der Ehemann, ist nie erwachsen geworden, er hat nichts aus sich gemacht, wurde Hausmeister dieses Turmes in einer gottverlassenen Gegend, er spricht im Quengelton und hat keine Körperspannung. Ralf Kuchheuser verkörperte diese Figur überzeugend. Seine Frau Semiramis spielt für ihn die Mami, bestätigt, bewundert und beruhigt ihn. Katja Rothbächer ist ein lebendes Echo, aber eine abgründige Figur, wie sich im Laufe des Abends herausstellt.

Die beiden sind sich einig darin, dass das Leben sie schlecht behandelt hat, dass Poppy ein verkanntes Genie ist und die anderen Menschen dafür verantwortlich sind, dass er nicht voran gekommen ist. Einst hatten sie einen Sohn, der sie jedoch sehr früh verlassen hat. Im Alter von sieben Jahren, also deutlich jünger als die "Friday for Future"-Jugendlichen, hat er seinen Eltern vorgeworfen: "Ihr seid böse. Ihr seid die Schuldigen", und ist für immer gegangen. Schuldig seien sie an den toten Fischen im Meer und den toten Vögeln und dem Blut am Himmel.

In der Kindheit der beiden Alten gab es eine apokalyptische Katastrophe, in der Paris zerstört wurde und tote Menschen auf dem Boden lagen. Auch Poppys Mutter starb im Straßengraben. All diese verstörenden Dinge erzählen sich die beiden Alten abends vor dem Schlafengehen wie ein wunderbares Märchen, klammern sich an die Details, kosten sie aus.

Die Vorwürfe der Generation Fridays for Future

Obwohl sie keinerlei Kontakte mehr haben, inszenieren sie nun ein Finale Furioso: Poppy will einer großen Gruppe von eingeladenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Bilanz seiner Erfahrungen in einer Rede den Sinn der Welt und des Lebens mitteilen. Da er selber dafür zu unsicher ist, hat er einen Redner angestellt, der für ihn sprechen soll. Deshalb die Schultafel. Man ahnt Schreckliches: Es klingelt zwar ständig, neue Stühle werden angeschleppt, die Bühne füllt sich, zuletzt kommt sogar Seine Majestät, der Kaiser, aber die Stühle bleiben leer. Alle Erwartungen richten sich auf den Redner, der auch tatsächlich erscheint, eine pathetisch-lächerliche Figur, eine Mischung aus Salvador Dali und Kaiser Wilhelm II., aber er stößt nur unverständliche Laute aus und schreibt an die Tafel "Engelbrot". Reinhard Kattinger spielte diese Figur genüsslich absurd.

Das Ehepaar verliert sich in einem chaotischen Taumel fast aus den Augen, die Klimax des dauernden Klingelns und Stühle-Holens endet für die beiden Protagonisten mit dem Sprung aus dem Fenster in die Tiefe. Sie selbst bezeichnen das als "Sterben auf dem Gipfel des Ruhms".

Eugène Ionesco wollte einen Kontrapunkt zum moralischen, welterklärenden Theater Bertolt Brechts setzen, er wollte das Nichts, für ihn die Grundessenz des menschlichen Lebens, hörbar und konkret machen, sein "Theater des Absurden" entzieht sich der unmittelbaren Deutung. Die Interpretation der beiden Schauspieler legte nahe, weniger in der Außenwelt, als vielmehr im Inneren der Menschen den Schlüssel zu suchen. Eine beeindruckende Leistung der beiden ganz in der Symbiose verhakten Schauspieler, die eineinhalb Stunden lang eine gewaltige, sich dem logischen Denken entziehende Textmasse zu bewältigen hatten. Chapeau!