Großstadtjazz vom Feinsten im Stiftsschaffneikeller

Ulrike Le Bras

Von Ulrike Le Bras

Mo, 06. Mai 2019

Lahr

Nach Fortbildungen bei Gesangs-Coach Micah Plissner in Los Angeles präsentiert sich Lawrence Grey in Lahr stimmlich gereift.

LAHR. Und wieder einmal ist der Beweis erbracht: Mit einer Location wie dem Stiftsschaffneikeller, einem Kulturkreis mit feinem Näschen für Exquisites und einem neugierig durch die (Musik)welt reisenden Klavierlehrer an der städtischen Musikschule braucht man keine Angst zu haben, musikalisch Großes in der beschaulichen Provinz zu verpassen. Ort des Geschehens: besagter Raum mit dem zungenbrecherischen Namen, der mit seinem in finsteren Tiefen liegenden Gewölbe schon von allein verruchte Jazzkeller-Atmosphäre verbreitet. Zeit: ein Samstagabend Anfang Mai, an dem auch dank der Eisheiligen eine ansehnliche Schar von Besuchern liebend gerne die steilen Stufen hinabgestiegen ist, um es sich im beheizten Raum gemütlich zu machen. Und dann natürlich die Akteure: die Formation Lawrence Grey, an diesem Abend als Quartett auf der Bühne.

Der Frontmann, der nach eigener, keineswegs ungerechtfertigter Aussage "Jazz-Bues-Crooner am Klavier" ist, hat sich in und um Lahr herum auch unter seinem bürgerlichen Namen Lorenz Stiegeler schon lange eine begeisterte Fangemeinde erspielt. Müßig also, über seine Qualitäten an den Tasten zu sprechen: Er beherrscht die Klaviatur im Schlaf und kann deshalb damit umgehen, als sei er einfach so aus Spaß am Rumklimpern auf der Bühne, den Schlussakkord setzt er dann auch frech nicht mit den Fingerspitzen, sondern mit seinen vier Buchstaben – wobei er sich dem Publikum zuwenden und zum Abschied ein lausbübisches Lächeln schenken kann.

Was an diesem Abend bestens zum Ausdruck gekommen ist: Lorenz Stiegeler hat auch mit der Stimme einen enormen Entwicklungsschritt gemacht. Immer wieder in Weiterbildung bei renommierten Vokal-Coaches, zuletzt bei Micah Plissner aus Los Angeles, ist es eine wahre Freude, ihm dabei zuzuhören, wie er mit seinen Stimmbändern spielt, sie weit über den gesungenen Text hinaus dazu nutzt, Emotionen in Szene zu setzen und dabei auch winzige Nuancen herauszuholen. Darf es etwas gepflegte Melancholie mit innerem Abstand zum Geschehen sein? Bitteschön, der erste Song, "The Joker" liefert es. Soll in der Melancholie ein wenig Trotz und verletzter Stolz mitschwingen? Dann passt "I Gotta Leave Some Love Behind". Oder ist ein bisschen was Witziges genehm? Auch das bringt Stiegeler perfekt rüber, zum Beispiel in dem Song "Be My Mechanic".

Unterstützt wird er dabei von seinen drei Bandmitgliedern, die allesamt virtuos unterwegs sind: Rares Popsa (dessen Name sich auf Rumänisch mit weichen "schs" spricht) zieht alle Register seines Könnens an der Jazzgitarre, bleibt mal dezent im Hintergrund, schluchzt betörend ein paar Bottleneck-Passagen, rutscht beim Lied vom Mechaniker unerhört schräg über die Saiten und macht mit bei der Jazz-Comedy.

Neu im Team, aber so harmonisch eingespielt als sei er der langjährige Drummer, fegt, wischt, poltert Julian Losigkeit über seine Töpfe, und wenn ein Preis für die perfekteste Verbindung von Lässigkeit und Präzision zu vergeben wäre – den hätte er sofort in der Tasche.

Last but not least: Simon Schallwig am Kontrabass, kommt rüber als Typ Einserschüler in den MINT-Fächern, ist aber ein alter Hase an den dicken Saiten. Was bleibt einem anderes übrig, als nach diesem Konzert zu konstatieren: Großstadt-Jazz vom Feinsten. Man lechzt nach mehr!