Landschaftspfleger und Baumeister

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 09. Mai 2021

Südwest

Seit einigen Jahren ist der Biber zurück in Südbaden. Doch selbst Experten bekommen die Tiere kaum zu Gesicht.

Katja Russhardt
Regentropfen kräuseln das Wasser. Schilf schwankt im Wind. Hörbar ist am Anglersee in Oberprechtal nur das Schmatzen von Gummistiefeln im Uferschlamm: Jeden Montagvormittag sind Edwin Roth und Peter Brenner im Landkreis Emmendingen entlang fließender und stehender Gewässer auf Kontrollgang. Umrunden Baggerseen, Badeseen und Kanäle, wandern Teile von Elz, Glotter und Dreisam ab.

"Seit etwa sechs Jahren ist der Biber hier bei uns im Landkreis", weiß Edwin Roth, Mitglied des BUND-Kreisverbands Emmendingen und seit fünf Jahren ehrenamtlicher Biber-Berater des Landkreises Emmendingen. Drei Jahre begleitet ihn bereits der Biologe Peter Brenner, der das nachtaktive, scheue Tier noch nie zu Gesicht bekommen hat und als häufiger Gast im Naturkundeunterricht in Schulen ein im Schwarzwald überfahrenes, präpariertes Jungtier zeigt. "Das lässt erahnen, wie groß ein ausgewachsener Biber sein muss, der übrigens sein ganzes Leben lang wächst", sagt Brenner. Bis zu einem Meter misst das Tier von Kopf bis Rumpfende, hinzu kommt die Kelle, ein kräftiger Schwanz mit hornartigen Hauptplatten von bis zu 35 Zentimeter Länge. Kräftige Hinterfüße mit Schwimmhaut zeigen, dass das motorische Talent der Biber eindeutig das Schwimmen ist.

20 Jahre alt können die streng geschützten Tiere im Freiland werden und über 30 Kilogramm schwer. "Haupt-Todesursachen sind der Straßenverkehr oder Revierkämpfe. Die Nagezähne können bei Biberkämpfen tiefe Wunden schlagen und entzünden sich dann", erklärt Brenner, der erst in der vergangenen Woche mit einer Schülergruppe am Anglersee war. Dass der See Heimat eines Bibers ist, wurde den beiden Naturschützern erst vor einem Monat von der Naturschutzbehörde gemeldet. Roth und Brenner trafen sich danach sofort mit der Gemeinde, dem Ortsvorstand und den Anglern, die schon im Dezember vergangenen Jahres Verdacht geschöpft hatten, als sie gefällte Bäume fanden, die eindeutig Spuren von Nagezähnen zeigten. "Manchmal ist der Biber aber schon heimlich ein Jahr vor Ort, bis jemand seine Anwesenheit auch nur erahnt", sagt Edwin Roth, der selbst nur ein einziges Mal einen Biber gesehen hat: "Es war ein überraschender Moment. Ein Kopf tauchte aus dem Wasser, sah mich, und tauchte wieder ab. Komplett erfolglos habe ich mich auch schon im Dunkeln auf die Lauer gelegt." Und so sind alle Sichtungen von Bibern im Landkreis Zufallsbegegnungen, existieren nur wenige Schnappschüsse von Spaziergängern, die an die Naturschützer weitergeleitet werden. "Spurensucher" muss man Roth und Brenner daher nennen.

Am von Erlen, Weiden, Birken und Kirschbäumen gesäumten Ufer können sie auf ihrem heutigen Rundgang jedenfalls selbst kleine Zeichen wie im Wasser treibende Zweige deuten: "Die dünnen Triebe der Weiden sind das Lieblingsfutter der Biber und der dicke Stamm interessiert sie nur, weil sie an die Rinde wollen", sagt Edwin Roth und zeigt auf einen in den See gekippten Stamm, dessen Ende bereits von starken Zähnen geschält wurde. Weidenrinde enthält Salicylsäure, die der Biber zur Bildung eines Sekrets verwendet, mit dem er sein Revier markiert. Der gleiche Inhaltsstoff ist auch in Mädesüß zu finden. Das findet der vegan lebende Biber neben anderen Futterpflanzen auf Wiesen, die seine Anwesenheit später deutlich verraten. "Der Biberschwanz drückt das Gras in Laufrichtung platt und wir haben eine perfekte Spur", sagt Roth.

Als Pflanzenfresser stehen die Biber nicht in Konkurrenz mit den Anglern. Ganz im Gegenteil: Ins Wasser gefallene Bäume, Äste und feines Gestrüpp bieten Jungfischen Schutz vor Räubern wie Graureiher und Kormoranen. Auch Amphibien und Insekten profitieren von den durch Auslichtung und Verjüngung neu entstehenden Lebensräumen: Libellen nutzen die Mini-Biotope zur Eiablage, Frösche und Kröten zum Laichen.

Für jeden Baumverlust gibt es eine Entschädigung

Und die unschönen Fraßspuren rings um den See? "Für Baumverlust gibt es Entschädigungen vom Regierungspräsidium Freiburg", sagt Edwin Roth, der einzelne große Bäume mit einem für Biber bitter schmeckenden Farbanstrich schützt, der darüber hinaus kleine Sandkörner enthält. Gut zu sehen ist auch, dass viele der angenagten Bäume wieder junge Triebe bilden.

Stauen, Verbreitern, Auf- und Umbauen: "Warum brauchen wir den Biber?", fragt Peter Brenner und liefert die Antwort selbst: "Er ist die Schlüsselart für die Gewässerrenaturierung. Ein natürlicher Landschaftspfleger, der ganz umsonst sogar Hochwasserschutz betreibt, auch wenn es gelegentlich ein paar Stellen gibt, die wir nicht ausgewählt hätten", sagt er mit einem Augenzwinkern. Kommunikation ist daher wichtig und Kontaktpflege zu allen in Biberrevieren liegenden Gemeinden und Personengruppen, wie etwa Angelvereinen.

Acht Biberreviere gibt es im Landkreis Emmendingen. Nagespuren von durchwandernden Tieren lassen eine Schätzung der aktuellen Population jedoch nicht zu. Zum Schutz der scheuen Tiere und vor "Bibertourismus" würden sie ohnehin streng geheim gehalten. Angewiesen ist man bei der Rekonstruktion der Reviere auf Meldungen von Bürgern und Gemeinden, die Biber oder deren Spuren entdecken. "Wir dokumentieren das und schauen, ob der Biber selbst gefährdet ist oder etwas anderes durch den Biber", fasst Edwin Roth zusammen. Der Landkreis sei übrigens nicht besonders günstig für Biber, da der Baumbestand an Flüssen und Seen nicht sehr groß sei. In Bayern und an der Elbe gebe es weit größere Populationen.

Bleibt die Frage nach der Herkunft der Biber aus dem Landkreis. "In Deutschland waren Biber vor 150 Jahren komplett ausgerottet", erzählt Peter Brenner: "In der Donau wurden sie wieder angesiedelt und wanderten durch den Schwarzwald zu uns." Eingewanderte Biber kommen auf Reviersuche auch aus der Schweiz und über den Hoch- und Oberrhein. Bis die monogam lebenden Tiere im neuen Lebensraum einen Partner finden, kann es Jahre dauern. So sind die gesichteten Tiere nicht selten allein in ihrem Revier. "Aber auch das ist meist nur eine Vermutung, für deren mögliche Entkräftung es neue Spuren braucht", sagt Edwin Roth. Für ihn ist der Biber ganz klar ein Sympathieträger – und der genialste Baumeister im Tierreich.