Interview

Landwirt: In Freiburg wird zu wenig regional eingekauft

Sebastian Wolfrum

Von Sebastian Wolfrum

Mi, 22. Januar 2020 um 12:50 Uhr

Freiburg

Der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband will Stadt und Land zusammenbringen. Denn nur wenn Städter regionaler einkaufen, könne sich Landwirtschaft wandeln, sagt Friedbert Schill.

Die Böden um Freiburg sind fruchtbar, hier wächst so ziemlich alles, was schmeckt. Doch in Freiburg wird zu wenig regional eingekauft, sagt Friedbert Schill. Damit eine nachhaltigere Landwirtschaft möglich wird, muss sich das Konsumverhalten der Städter ändern, so der Marcher Landwirt und BLHV-Funktionär. Doch auch die Bauern tragen Verantwortung.

BZ: Landen zu wenige regionale Waren auf den Tellern der Städter?

Schill: Freiburg ernährt sich laut aktuellen Studien zu 20 Prozent mit Produkten aus dem Umland. Dass eine Region die Stadt versorgt hat, war früher Standard. Heute läuft Lebensmittelproduktion weltweit, ist vollkommen entgrenzt. Wenn die Freiburger sich darüber beklagen, dass um die Stadt zum Beispiel nur Mais wächst, hat das auch damit zu tun, dass sie ihr Gemüse aus anderen Regionen kaufen.

BZ: Sicher? Mais bringt dem Landwirt das meiste Geld.

Schill: Wüsste ein Landwirt, dass er seine Produkte hier zu einem einträglichen Preis verkaufen könnte, würde er Anderes anbauen.

BZ: Ist Freiburg kein guter Absatzmarkt für regionale und für Bio-Produkte?

Schill: Eigentlich sollte es die Stadt dafür schlechthin sein. Es ist eine Universitätsstadt, hat ein hohes Bildungslevel. Ernährung ist auch eine Bildungsfrage. Es gibt also prinzipiell ein dankbares Publikum für regionale Ernährung. Aber es ist noch Luft nach oben. Andere Städte sind weiter. In Nürnberg und Köln wird in den städtischen Kantinen etwa zu 90 Prozent auf regional und bio gesetzt. Die Verwaltungen dort sind sehr stark hinterher.
Zur Person

Friedbert Schill (65) ist BLHV-Vorsitzender im Kreisverband Freiburg. Der Landwirtschaftsmeister hat seinen Hof, der seit 1724 in Familienbesitz ist, 1980 auf Bio-Betrieb umgestellt. Dort werden unter anderem Soja, Karotten, Kartoffel, Weizen Dinkel und Wein angebaut. An dem Hof in March liegt auch die Schill-Hof Strauße.

BZ: Ist der Absatzmarkt in Freiburg groß genug für die Landwirte der Region?

Schill: Das Marktpotential ist da. Es gibt eine Nachfrage, diese Bedarfe müssen wir bedienen. Jetzt soll mit Dietenbach ein neuer Stadtteil entstehen. Wir müssen es schaffen, dass hier nicht nur Supermärkte und Discounter Fuß fassen, sondern auch regionale Produkte angeboten werden.

BZ: Braucht es also mehr Initiativen, die Stadt und Land zusammenbringen?

Schill: Unser gesamtes System steckt gerade in einer Sackgasse. Höfe finden keinen Nachfolger, die Insekten sterben, der Klimawandel wird sichtbar. Unsere Art zu Leben und uns zu Ernähren, hängt damit zusammen und das wird auch immer mehr Menschen bewusst. Wir brauchen einen Systemwechsel. Aber hier kann man nicht einfach einen Schalter umlegen. Für einen Bewusstseinswandel braucht es Graswurzelbewegungen. Solche Impulse gehen von diesen Initiativen aus. Das ist wichtig, aber das wird nicht ausreichen. Wir brauchen andere Konsumgewohnheiten.

"Wir brauchen wiedererkennbare Marken, verlässliche Lieferungen, Regalpflege – alles, was größere Firmen leisten können."

BZ: Alle Verantwortung liegt beim Verbraucher?

Schill: Landwirte geht das genauso an. Wir müssen etwa auf das städtische Publikum in Freiburg reagieren. Es gibt hier viele bio-affine Menschen, die wir nicht erreichen. Denen müssen wir es einfacher machen, auch regional einkaufen zu können. Und dafür müssen wir mit unseren Produkten auch in die Supermärkte. Bei den inhabergeführten Märkten liegt ein Riesenpotential. Um die mit genügend Ware zu beliefern, braucht es regionale Erzeugergemeinschaften. Solche Initiativen entstehen gerade. Wir brauchen wiedererkennbare Marken, verlässliche Lieferungen, Regalpflege – alles, was größere Firmen leisten können. Gerade das Marketing darf man nicht unterschätzen, das ist viel Arbeit.

BZ: Hat Landwirtschaft nicht ohnehin Marketing und Umdenken notwendig?

Schill: Über Landwirtschaft wurde schon immer viel diskutiert – oft sehr negativ. Aber die Debatte derzeit ist anders. Das ist eine Riesenchance. Zurzeit wird auch in größeren Zusammenhängen gedacht. Eine andere Landwirtschaft ist möglich, wenn die Menschen umdenken. Das, was kritisiert wird, kann sich ändern, wenn sich das Konsumverhalten ändert. Die Sache ist komplex. Es gibt keine einfachen Antworten. Und auch die Arbeit der Landwirte wird sich verändern müssen. Das tut weh, aber es muss sein. Da kann man keinen draus entlassen.
Die Veranstaltung zu regionaler Ernährung findet am Donnerstag, 23. Januar 2020, von 19 Uhr an im Haus der Bauern, Merzhauser Straße 111 in Freiburg statt. Anmeldung erwünscht (per mail: gerda.buehler@blhv.de oder 0761/27133 221), spontane Besuche sind ebenso möglich.