Leihmütter und Wunscheltern

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 22. Juni 2020

Theater

THEATER FREIBURG II: Intimes Kammerspiel mit fünf Stationen à vier Zuschauer – die Premiere der Performance "Global Belly" im Kleinen Haus.

Auch 20 in einem großen Raum verteilte Zuschauer können heftig und anhaltend applaudieren. In den Beifall nach der Premiere von "Global Belly" im Kleinen Haus des Freiburger Theaters mischte sich womöglich auch die Freude über die erste analoge Vorstellung im Schauspiel nach dreimonatiger Corona-Pause: Schön, dass ihr wieder für uns spielen könnt. Ja. Schön, dass sie wieder auftreten können mit Publikum in einem realen Raum.

Das Regieteam der 2017 erstmals in Berlin gezeigten Produktion der freien Theatergruppe Flinn Works um Sophia Stepf über das nicht nur juristisch komplexe Thema Leihmutterschaft hat den verordneten Einschränkungen des Spielbetriebs so Rechnung getragen, dass man außer dem lästigen Auf- und Abziehen der Masken wenig davon merkt. In dieser Version ist "Global Belly" ein intimes Kammerspiel mit fünf Stationen à vier Zuschauern geworden. Man wechselt fünfmal die Plätze, um hinter Stellwänden, eingebunden in Spielszenen, mit verschiedenen Aspekten des Themas konfrontiert zu werden.

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, in anderen Ländern nicht. Es hat sich ein regelrechter organisierter Leihmutterschaftstourismus entwickelt – je nach Geldbeutel – hauptsächlich in drei Länder: die USA, die Ukraine und Indien. Die Schauspielerin Atischeh Braun verkörpert den asiatischen Subkontinent, Stefanie Mrachacz das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Anja Schweitzer ist für den Osten Europas zuständig. Mit ihnen steht Lukas Hupfeld als Repräsentant schwuler Männer mit Kinderwunsch auf der Bühne. Ein klares, überschaubares Experimentierfeld, das ohne jeden moralischen Zeigefinger und ohne Parteinahme für oder gegen Leihmutterschaft das Phänomen in den Blick nimmt.

Handelt es sich um neokoloniale Praxis, wenn wohlhabende Frauen aus reichen Industrieländern die Dienste einer indischen Leihmutter in Anspruch nehmen, die – wie Schweitzer in einem flammenden Plädoyer gegen diese Austragungspraxis formuliert – ihre Gebärmutter vermieten wie andere ihr Auto? Die keine geregelte Arbeitszeit haben, sondern neun Monate lang 24 Stunden am Tag im Einsatz sind? Die einen Teil ihres Körpers abspalten müssen von sich? Man möchte sich das in seinen Konsequenzen nicht so gern vorstellen.

Andererseits pochen indische Leihmütter darauf, genau dies zu tun: Für diesen Dienst erhalten die oft aus ärmsten Verhältnissen stammenden Frauen so viel Geld, dass sie die gesamte Familie ernähren und für eine gute Schulausbildung ihrer Kinder sorgen können. Mandy aus Kalifornien suggeriert ihren Besuchern hingegen, dass ihre Leihmutterschaft aus reiner Liebe zum Leben erwachsen ist. Warum sollte sie nicht eine Art intrauteriner Nanny für das in ihr entstehende Baby sein? Was kann schlecht daran sein, anderen Frauen deren sehnlichen Kinderwunsch zu erfüllen? Aus dieser Perspektive ist Leihmutterschaft ein Akt der Empathie und weiblicher Solidarität.

Hart setzt Anja Schweitzer in der Rolle der Juristin die rechtliche Lage deutscher Paare dagegen, die die Dienste einer Leihmutter in der Ukraine in Anspruch nehmen. Um dem Akt die Illegalität zu nehmen, sind juristische Winkelzüge vonnöten, die allein mit der Präferenz des Kindeswohls zu rechtfertigen sind. Welche Auswirkungen die Exterritorialisierung von Schwangerschaft gleichwohl haben kann, zeigt sich in diesen Tagen: Dutzende von Neugeborenen können von ihren "Wunscheltern" nicht abgeholt werden in dem osteuropäischen Land – man weiß ja, wie wichtig der Kontakt gerade in den ersten Lebensmonaten ist. Und warum sollte man einem schwulen Paar die Elternschaft verweigern? In einer emotionalen Szene eröffnet Lukas Hupfeld seiner Familie, dass sein Freund und er schwanger in den USA sind. Die Kosten dafür: 130 000 Dollar.

Die Stärke dieses Abends besteht darin, dass er Fragen stellt, Probleme aufzeigt, aber keine Antworten hat. Wie es in Zukunft mit dem Entstehen von menschlichem Leben aussehen wird, ob es künstliche Gebärmütter geben wird, ob auch Männer Kinder austragen werden: Wer kann das schon wissen. Das Theater zeigt hier seine Relevanz. Auch und gerade in diesen Zeiten.

Weitere Termine: 24. bis 28. Juni, 20 Uhr.