Premiere im Freiburger Kinder- und Jugendtheater

"Leonce und Lena" mit Webcam und elektronischer Musik

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

So, 04. Oktober 2020 um 19:24 Uhr

Theater

Sascha Flocken legt im Freiburger Theater im Marienbad zum Beginn der Spielzeit eine rasante Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel "Leonce-und-Lena" hin.

Öde geht es zu im Reich Popo des Königs Peter. Das schrille Outfit seines Sohns Leonce kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Reich des Müßiggangs gähnende Langeweile herrscht. Niemand hat hier irgendwas zu tun – und deshalb hockt Nadine Werner mit ihren krass bunten Sneakers minutenlang inmitten silbern glitzernder Fassaden und schaut genervt nach links, nach rechts, zieht einen Flummi aus der Tasche, lässt ihn springen, versucht im Hopsen die Decke zu erreichen. Man sieht: Behagliches Räkeln in der Hängematte geht anders.

Auch im Zuschauerraum des Freiburger Theaters im Marienbad geht es recht öde zu. Genau 21 Besucher sind bei der Premiere von Büchners Lustspiel "Leonce und Lena" in der Regie von Sascha Flocken zugelassen – dort wo sich auf Sitzbänken ohne Lehne sonst die Menschen drängen. Ensemble und Zuschauer halten sich genau die Waage: Da kommt es auf jeden einzelnen nicht nur hinter und auf, sondern auch vor der Bühne an. Ein ganz neues Erleben von Theater unter Bedingungen, die man sich so schnell wie möglich wieder wegwünscht.

Immerhin: Die von Mai auf Oktober verschobene Aufführung kann nun endlich stattfinden – und natürlich fragt man sich, welchen Anteil Corona an den ästhetischen Entscheidungen der Regie hat. Noch nie jedenfalls wurde im Kinder- und Jugendtheater so intensiv mit Webcams gearbeitet; noch nie haben alle Schauspieler auf einmal die Bühne verlassen, um draußen im Foyer und im Treppenhaus des ehemaligen Schwimmbads weiterzuspielen. Gleichwohl wirkt die Inszenierung von Sascha Flocken, der – nach "Ich, Moby Dick" und "Die schönsten Beerdigungen der Welt" – zum dritten Mal mit dem Marienbad-Ensemble arbeitet, wie aus einem Guss. Das liegt auch am angerappten, aber melancholischen elektronischen Sound von Marie-Christin Sommer. Er geht mit den auf durchsichtige Gaze projizierten Close-Ups eine stimmige Verbindung ein. Definitiv eine Inszenierung, die entspannt an die Hör- und Sehgewohnheiten von Jugendlichen anknüpft; empfohlen ist sie ab 14 und natürlich auch für Erwachsene.

Büchner selbst war ja erst Anfang Zwanzig, als er sein fast alles in der deutschen Literatur überragendes Werk schuf – zu dem auch die Flugschrift "Der hessische Landbote" gehört, die mit dem Aufruf "Krieg den Palästen, Friede den Hütten" endet. Der Regisseur stellt sie an den Beginn der Aufführung und setzt sie damit einem scharfen Kontrast aus: Hier die zielgerichtete Revolte, dort ein zielloser, nihilistischer Defätismus. Lisa Bräuninger sollte die Stimme dieses wütenden Aufbegehrens sein, doch sie musste hochschwanger die Proben abbrechen; ihren Part hat kurzfristig, aber trotzdem überzeugend Julia Schulze übernommen. Erst ganz am Ende kann man sie auch live erleben: Mit einem an die Jugend dieser Welt gerichteten unverhohlenen Aufruf zur bewaffneten Revolution gehört ihr das letzte Wort.

Bis dahin freut man sich über die Maßen an den skurrilen Auftritten der Schauspieler. Besonders toll ist Daniela Mohr in der Rolle des dekadenten Königs Peter, der nur einen Wunsch hat: Endlich abtreten zu können und die nicht vorhandenen Regierungsgeschäfte an seinen Sohn Leonce zu übergeben. Dafür muss der Junge allerdings heiraten: Lena heißt die Auserwählte bekanntlich, hier gegeben von Benedikt Thönes. Flockens Büchner-Umsetzung ist mithin auch ein Genderprojekt, aber das spielt eigentlich gar keine Rolle. Daniela Mohr jedenfalls kostet das komische Potenzial ihrer völlig nutzlosen Figur vor der Webcam lustvoll aus: ein satirisches Kabinettstück – das noch gesteigert wird, wenn sie zwischen Kamera und Live-Auftritt blitzschnell hin- und herswitcht: Ihre Bühnenperformance hat etwas von einer irrwitzigen Trumpiade. Auch Christoph Müller arbeitet sich als Valerio ins groteske Fach hinein, auch wenn sein Leonce-Berater eine sehr handfeste Grundlage im Materiellen – Essen, Trinken – hat.

Die virtuell-analoge Mixtur funktioniert über weite Strecken der Inszenierung ganz hervorragend. Nur wenn die Figuren in Zweier-Konstellationen – Leonce und Valerio, Lena und ihre frech-forsche Gouvernante – auf die Flucht gehen und das Geschehen nur noch über Projektion in den Raum hineingespielt wird, reißt der Kontakt zur Inszenierung ein bisschen ab. Man wartet förmlich darauf, dass auf der Bühne wieder etwas unmittelbar passiert und spürt dabei sehr deutlich, wie wichtig physische Präsenz im Theater ist. Sascha Flocken und das Marienbad-Ensemble haben diese Produktion widrigen Bedingungen abgetrotzt und auf der ganzen Linie bravourös gewonnen. Ein Kantersieg. Wow.

Weitere Aufführungen: 8., 10., 13., 24. Oktober.