Leserbriefe

Nadja Schaubhut

Von Nadja Schaubhut (Schopfheim)

Sa, 21. November 2020

Schopfheim

TINY HOUSE
"Dringend umdenken für lebenswerte Zukunft"
Zum Artikel "In Wiechs darf ein Tiny House gebaut werden – aber nur ein einzelnes", BZ vom 13. November:
Die Diskussion um ein einzelnes Tiny House zeigte leider wieder, wie provinziell hier noch mit dem Thema umgegangen wird. Während anderswo längst Tiny-House-Siedlungen entstehen, scheint man hier sofort an "sich ansammelndes Gesindel" zu denken. Diese Bedenken kommen wie so oft von gut situierten Einfamilienhausbesitzern der Generation Boomer. Wiechs hat ganz andere Probleme als Tiny-Häuser, zum Beispiel die biodiversitätsfeindlichen Schottergärten. Im Gegensatz dazu sind Tiny-Häuser zukunftsfähig und ökologisch, da sie beim Abbau kaum Spuren hinterlassen. Sogar Fertighausanbieter haben den Trend erkannt und bieten die kleinen Häuser an. Wer immer noch das Bild schäbiger Bauwagen und dubioser Gestalten im Kopf hat, hat sich nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Es mag sein, dass den Herren ein solides Haus lieber wäre, aber die Frage ist: Wer kann und will sich das noch leisten? Nicht jede und jeder kann und will sich verschulden und jahrzehntelang ein Haus abbezahlen. Altersarmut, Wohnungsnot und Flächenversiegelung beschäftigen uns nicht erst seit gestern.

Die heutige junge Generation lebt oft im Ungewissen: befristete Arbeitsverträge, unbezahlte Praktika und der Job bestimmt den Wohnort. Viele ältere Menschen leben mit einer geringen Rente am Existenzminimum. Die Wohnungen in den grauen Betonklötzen, die in ganz Schopfheim billig hochgezogen werden und unsere Umwelt verschandeln, sind kaum bezahlbar. Tiny-House-Besitzerinnen und -Besitzer sind Menschen, die minimalistisch mit Blick auf das Wesentliche leben möchten und sich nicht an Statussymbolen orientieren. Ein Leben in Gemeinschaft und doch mit Rückzugsort, bunt gemischt, bestehend aus allen Generationen und Lebensformen ist die Vision vieler Tiny-House-Freunde. Während das Leben im Mietshaus oft anonym abläuft und die Kleinfamilie im Einfamilienhaus meist in ihrem eigenen Kosmos lebt, stehen der Austausch und die gegenseitige Unterstützung in einer Tiny-House-Gemeinschaft im Vordergrund. Wie in jedem Mietshaus, in jeder Familie und auf jedem Campingplatz muss es natürlich auch hier Regeln geben. Ewiges Bedenkenträgertum und Misstrauen haben jedoch noch nie zum Fortschritt beigetragen und nicht nur was das zukunftsfähige Wohnen angeht, benötigen wir dringend ein Umdenken, wenn nachfolgende Generationen noch eine lebenswerte Zukunft haben sollen. Außer persönlichen Befindlichkeiten spricht ja, wie bestätigt wurde, nichts gegen Tiny-Häuser. Sollte die Stadt Schopfheim sich irgendwann für dieses Thema öffnen, beteilige ich mich gerne an der Ausarbeitung eines Konzeptes. Nadja Schaubhut, Schopfheim