LESETIPP: Der Blick von ganz unten

Andrea Gallien, Breisgau-Redaktion

Von Andrea Gallien & Breisgau-Redaktion

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Eine Autorin in der Lebenskrise: Mitte vierzig, "das Kind flügge, der Mann krank", und das jüngste Buch von 20 Verlagen abgelehnt. Katja Oskamp jammert nicht, verzweifelt nicht, sie beginnt etwas Neues – ganz unten. Sie lässt sich zur Fußpflegerin ausbilden und heuert im Studio einer Freundin an. Das Studio liegt in Marzahn, einst die größte Plattenbausiedlung der DDR, und ist voll von Bewohnern, die das Leben ganz schön gebeutelt hat. Davon erzählen sie der Frau, die ihnen die Nägel schneidet und die Hornhaut abschabt. Wir lernen etwa kennen: Frau Guse, 85, die jeden Sonntag ihren Braten mit immer denselben Handgriffen zubereitet – das Kassler kauft sie im Stück und schneidet es mit der Brotschneidemaschine. Oder Herr Pietsch, der seiner Stellung als SED-Kader nachtrauert und mit seinen 51 Seitensprüngen renommiert. Katja Oskamp hört zu, fühlt sich ein, gibt Kontra. Und formt aus dem Gehörten Skizzen, Porträts, Biografien. So entsteht aus der Fußperspektive ein Panorama Berliner Lebens am Rande, und aus Fußpflege wird Literatur. Schöne Pointe: "Marzahn, mon amour" ist das bei weitem erfolgreichste Buch von Katja Oskamp geworden.

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2019. 144 Seiten, 16 Euro.