LESETIPP: Der letzte Sklave

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Oluale Kossola ist etwa 18 Jahre alt, als sein Dorf im heutigen Benin überfallen wird. Soldaten kidnappen und massakrieren die Dorfbewohner. "Sie fangen Leute, und sie sägen mit dem Messer den Hals ab, so, dann drehen sie den Kopf so, und er geht vom Hals ab. Ogottogott!", erzählt Kossola. Er wird an die Küste gebracht und auf die Clotilda verladen – das letzte bekannte Sklavenschiff. Fünf Jahre muss Kossola als Sklave auf den Feldern arbeiten, bis er 1865 ein freier Mann wird – in einem fremden Land, das nichts Gutes für ihn bereit hält. "Baracoon" erzählt die Geschichte eines der letzten Überlebenden des transatlantischen Sklavenhandels. Ungeschminkt und subjektiv. Die Autorin, die afroamerikanische Anthropologin Zora Neal Hurston, lässt Kossola einfach erzählen. 1931 war das Buch fertig. Und doch dauerte es bis 2018, bis der Text in den USA erstmals komplett erschien. Nun liegt er auch auf Deutsch vor. Wer es kann, der sollte das Buch auf Englisch lesen. Denn Hurston hat versucht, den Slang von Kossola wiederzugeben. Das geht in der Übersetzung leider etwas verloren. Nichtsdestotrotz ist das Buch auch auf Deutsch eine der spannendsten Neuerscheinungen des Sommers.

Zora Neale Hurston: Barracoon. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Penguin Verlag, München 2020. 224 Seiten, 20 Euro