LESETIPP: Ein Mann mit zwei Seelen

Moritz

Von Moritz

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

"Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin." Schon die ersten beiden Sätze von Viet Thanh Nguyens Roman "Der Sympathisant" geben das Tempo vor. Es fällt schwer, ihn überhaupt aus der Hand zu legen, wenn man einmal damit angefangen hat. Der Polit-Thriller beginnt am Ende des Vietnamkriegs 1975, der namenlose Protagonist ist ein kommunistischer Spion, der sich als Gehilfe bei einem Polizeigeneral der Machthaber eingeschleust hat und mit diesem in einer halsbrecherischen Aktion das Land verlässt, gerade noch rechtzeitig, bevor die kommunistischen Kräfte endgültig die Macht erobern. Fortan setzt der Spion seine verdeckte Mission im Feindesland fort, dessen Lifestyle er trotz seiner kommunistischen Ideologie manches abgewinnen kann. In den stets mit einer Prise Sarkasmus geprägten Schilderungen vom Wesen beider Systeme und der Menschen, die sie prägen, entlarvt der Autor subtil die Schwächen beider Welten. Es bleibt unklar, wem die Loyalität des Maulwurfs gilt. Er bewegt sich in beiden Welten, gerät dabei oft genug in Konflikt mit sich selbst – etwa, als sich für den Exil- General die Anzeichen dafür verdichten, dass sich ein Maulwurf in seinen Reihen befindet, den der namenlose Spion erledigen soll. Dass der Text als von Anfang an als Geständnis formuliert ist, lässt schnell erahnen, dass ein Happy End unwahrscheinlich ist. Der Roman wurde 2016 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant. Roman. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. Verlag Blessing, München 2017. 523 Seiten; 24,99 Euro.