LESETIPP: schöne alte fussballwelt

Mark Alexander

Von Mark Alexander

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

Was wäre Fußball ohne Fans? Nur ein Kick von 22 Kurzbehosten im Park. Wie recht der Fanforscher Rogan Taylor damit hatte, wurde uns im Corona-Jahr schmerzlich bewusst. Was also hilft gegen die Bilder aus leeren Stadien? Am ehesten ein bildgewaltiges und prall gefülltes Werk, das an bessere Fußballzeiten erinnert. Denn neben dem achten Platz des SC Freiburg und dem Nichtabstieg von Werder Bremen gibt es im Seuchenjahr noch mehr zu feiern: 20 Jahre 11 Freunde! Das etwas andere Sportmagazin aus Berlin hat mit trockener 1:0-Berichterstattung in etwa so viel zu tun wie der FC Bayern mit den Plätzen zwei bis 18 der Tabelle. Stattdessen wird der präzise Doppelpass zwischen Fußball und Kultur gespielt. Die Interviews, Reportagen und Bilderserien rücken viele Menschen ins Flutlicht, die sonst nicht auf der ganz großen Bühne stehen. Und sie zeigen diejenigen, die diese Bühne bilden, in neuem Licht. Die kurzweilige Reise führt über die Pott-Sozialstudie von benachbarten Dortmund- und Schalke-Anhängern über Live-Ticker-Perlen und Auswärtsfahrten-Anekdoten bis zu den Jakarta Ultras in Indonesien. Hintergründig, humorvoll, selbstironisch und stets mit einem kritischen Blick auf den kommerzialisierten und überdrehten Fußballzirkus. "Es ist allein der Verdienst der Anhänger, dass etwas von dem, was früher lebendige Fußballkultur ausgemacht hat, in den modernen Fußball hinübergerettet wurde", schreibt Chefredakteur Philipp Köster im Vorwort. Die Zeit, bis sich die Stadien wieder füllen, lässt sich mit diesem Buch wunderbar überbrücken.

Philipp Köster, Tim Jürgens: Das große 11 Freunde Buch. Wilhelm Heyne Verlag München. 456 Seiten; 25 Euro