"Da kommen erstaunliche Sachen heraus"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 24. Mai 2019

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEW mit dem Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, der das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache leitet.

Anfang des Jahres hat in Berlin, Göttingen, Mainz und Leipzig das Institut für digitale Lexikographie seine Arbeit aufgenommen. Ziel des Unterfangens, an dem vier Wissenschaftsakademien und das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim beteiligt sind, ist es, den deutschen Wortschatz digital zu erfassen und allgemein zugänglich zu machen. Bettina Schulte sprach mit dem Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, der bereits das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache leitet.

BZ: Herr Klein, wissen Sie, wie viele Wörter die deutsche Sprache hat?
Klein: Das kann man gar nicht wissen. Eine Sprache wie die deutsche mit ihren Wortbildungsmöglichkeiten hat im Prinzip unendlich viele Wörter. Man kann die Frage sinnvoll nur beantworten, wenn man von den Wörtern ausgeht, die tatsächlich verwendet werden.

BZ: Und?
Klein: Im Duden stehen 200 000 Wörter, im Grimmschen Wörterbuch 350 000 – zum Vergleich: im Oxford English Dictionary, dem besten Wörterbuch, das es gibt, stehen für das Englische 600 000 Wörter. Wir haben das Deutsche für die Zeit um 2000 herum untersucht: Es werden rund fünf Millionen verschiedene Wörter verwendet.

BZ: Kann man die denn wirklich alle erfassen?
Klein: Die kann man nicht erfassen, wenn man sie systematisch beschreiben will, wie wir es in unserem großen Wörterbuch tun. Sie können nachrechnen: Wenn Sie am Tag vier schaffen, dann würde man Tausende von Jahren benötigen.

BZ: Ist es nicht eine wahnsinnige Sisyphusarbeit, überhaupt ein Wörterbuch zu erstellen, egal ob digital oder analog?
Klein: Das Grimmsche Wörterbuch zu erstellen hat mehr als 100 Jahre gedauert: von 1852 bis 1961. Das muss man sich mal vorstellen. Wir müssen aber nicht beim Stand Null anfangen. Wir können uns das verfügbare Wissen zunutze machen. Weil sich die Sprache entwickelt, müssen ständig neue Bedeutungen, neue Wörter ergänzt werden.

BZ: Zum ersten Mal wird der Wortschatz der deutschen Sprache digital erfasst. Werden die analogen Wörterbücher überflüssig?
Klein: Auf keinen Fall. Aber die großen Wörterbücher sind in eine Krise geraten, weil sie sich nicht mehr finanzieren lassen. Was wir machen, ist ein Zusammenschluss verschiedener Wörterbücher: Neben den älteren haben wir vor 20 Jahren angefangen, ein digitales Wörterbuch aufzubauen. Der Vorteil beim digitalen Vorgehen: Man kann die Beschreibung der Eigenschaften der Wörter mit den Datenquellen verbinden. Und man kann sie aussprechen lassen anstelle dieser merkwürdigen Lautschrift.
BZ: Das ist bereits verfügbar?
Klein: Unter http://www.dwds.de Das wird ein paar Millionen Mal im Monat genutzt in aller Welt.

BZ: Sie waren der Initiator?
Klein: Mit anderen zusammen. Das ist das Schöne: Es ist ein kooperatives Projekt. Das wollen wir systematisch ausbauen durch den Zusammenschluss der Berlin-Brandenburgischen Akademie, der Göttinger Akademie, der Akademie für Sprache und Dichtung in Mainz und der Sächsischen Akademie in Leipzig. Finanziert wird das Ganze vom Bundesministerium für Forschung und Bildung. Es gibt eine große Arbeitsstelle in Berlin und eine kleinere in Göttingen. Außerdem ist das Institut für deutsche Sprache in Mannheim beteiligt.

BZ: Ist das nicht die Konkurrenz?
Klein: Ganz im Gegenteil. Wir streben zum Beispiel eine enge Kooperation mit dem Duden an. Meine Vorstellung ist, dass alle, die an der deutschen Sprache interessiert sind, sich beteiligen, einschließlich der Nutzer.

BZ: Und der jeweilige Mitarbeiter entscheidet, welche Wörter er bearbeitet? Klein: Die Berliner Arbeitsgruppe besteht aus 30 Leuten, da trifft man sich regelmäßig, stellt Listen zusammen, diskutiert, wie häufig ein Wort vorkommt und entscheidet dann, ob man das aufnimmt.

BZ: Spielt die Etymologie eine Rolle?
Klein: Absolut. In das digitale Wörterbuch ist ein großes etymologisches Wörterbuch integriert. Man kann etwas machen, was beim klassischen Wörterbuch nicht möglich ist: die Entwicklung eines Wortes statistisch verfolgen. Wenn Sie etwa wissen wollen, wann "Heimat" aufgekommen ist, sieht man an Kurven, wo und in welchen Korpora es besonders häufig auftritt bis in die Gegenwart. Da kommen erstaunliche Sachen heraus.

BZ: Die Nutzer können Vorschläge machen, welches Wort aufgenommen wird?
Klein: Ja – und vor allem Fehler entdecken, die bei so einem großen Projekt unweigerlich vorkommen. Wir haben eine große Datenbank, da kann jeder sagen: "Hier das stimmt nicht" oder "Ich habe noch einen schönen Beleg gefunden".

BZ: Wie bei Wikipedia.
Klein: Es integriert ein wenig die Wikipedia-Idee. Es darf aber nichts ungeprüft übernommen werden.

BZ: Jeder hat seinen eigenen Sprachschatz, seine eigene Historie, seine eigene Leseerfahrung. Es ist sehr unterschiedlich, was Menschen an Sprachschatz und Sprachvermögen mitbringen.
Klein: Die Schwankungsbreite ist riesig. Denken Sie an die Dichter: Goethe hat 90 000 Wörter, Trakl reichen 1800.

BZ: Und Goethe ist der mit den meisten Wörtern?
Klein: Unter den Deutschen ja. Das liegt auch daran, dass er über so viele verschiedene Gegenstände geschrieben hat. Ein solcher Wortreichtum kommt erst zustande, wenn es eine gut ausgebaute Schriftsprache gibt. Die Hälfte der 7000 Sprachen der Welt hat keine Schrift.

BZ: Kommen wir zurück zur digitalen Lexikographie: In sie kann unmittelbar jedes neue Wort aufgenommen werden. Oder?
Klein: Die Möglichkeit hat man. Aber ob man die Wörter gleich ins Wörterbuch aufnimmt, das ist die Frage: Ist das nur ein Kuriosum oder wird es länger gebraucht werden?

BZ: Sprachkritiker haben oft Angst vor der "Überfremdung" der Sprache. Können Sie heute angesichts der Anglisierung diese Tendenz feststellen?
Klein: Jein. Insgesamt ist der Anteil an Wörtern aus anderen Sprachen immer noch sehr gering, aber es gibt Bereiche, die auffällig sind: Werbung, Verkauf ...

BZ: ... Internet?
Klein: Ich finde, dass Anglizismen in vielen Fällen eine Bereicherung sind, in manchen scheußlich. Dass man etwas als "Service Point" bezeichnet, kann ich nicht nachvollziehen. Auf der anderen Seite bezeichnen sie Dinge, die es vorher nicht gab. Mein Lieblingsbeispiel ist "liken". Diese Aktivität gab es vor zehn Jahren nicht, heute wird das Milliarden mal jeden Tag gemacht: Man braucht ein Wort dafür. Die Übersetzung "mögen" ist zu undifferenziert: mit "liken" meint man diesen Knopfdruck, mit dem man sagt "Es gefällt mir!"

BZ: Ist das nicht absurd, von einem Verfall der Sprache zu sprechen?
Klein. Seit 1900 ist der deutsche Wortschatz um ein Drittel gestiegen. Natürlich verschwinden Wörter. Und es gibt Wörter, die sollte man wiederbeleben, zum Beispiel "hurtig".

BZ: Kann man durch Lesen seinen Wortschatz erweitern?
Klein: Mit Sicherheit. Es kommt drauf an, was man liest und dass man viel liest.

BZ: Mit noch so vielen Emojis wird man nie auch nur annähernd an die Möglichkeiten der Sprache herankommen...
Klein. Das sehe ich absolut so. Wie wollen Sie irgendwie Komplexeres darstellen ohne dieses unglaubliche Mittel?

BZ: Man sagt, dass die heutigen Kinder nicht viel lesen und mehr ins Smartphone hineinstarren. Glauben Sie, dass davon eine Gefahr für den Sprachgebrauch ausgehen könnte?
Klein Wenn Sie das so einschränken, stimme ich Ihnen zu. Die deutsche Sprache ist nicht schwächer geworden in ihren Möglichkeiten. Wie die Leute sie beherrschen: Da habe ich Bedenken. Die andere Frage ist allerdings, ob die Leute, die mit ihrem Handy kommunizieren, früher mehr gelesen hätten. Kindern verwenden eine Mischform zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ist. Das hat durchaus etwas Kreatives.

BZ: Zurück zu Ihrem Projekt: Kann das jemals fertig werden?
Klein: Alles wird irgendwann fertig. Wir haben eine Aufbauphase von acht Jahren. Die Betriebsphase ist unbegrenzt.

Linguist Wolfgang Klein (73). Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie. Lehrte an den Universitäten Heidelberg und Frankfurt. Seit 1994 ist der Saarländer Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wo er das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache leitet.