Das andere Sprechen

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Sa, 20. April 2019

Literatur & Vorträge

Der deutsch-jüdische Autor Paul Adler wird mit einer fünfbändigen Werkausgabe vor dem Vergessen gerettet /.

INZWISCHEN TRUG PAPAGENO – DURCH DIE kraftvoll zersprengten Mauern in freier könglicher Nacht; durch die Geschosse und Stuben der Nachbarhäuser, die wie Knospen von roten Lilien aufsprangen; über die Spree, wo er als Erscheinung viel bewundert wurde; durch die Leiber der Nachtschwärmer, die ihn betroffen hindurch ließen; durch Sehnen und Rippen der ersten Schutzmänner, die seiner Feierlichkeit nachgaben; durch die Herzen der Dirnen, die sich dem süßen Unfall nicht verweigerten – schreiend auf einem großen weißen Blatte den Helden Tamino und die entflammte Zauberflöte vor sich her! Durch die Berge, am Boden des Meeres, kriechend und nach dem Sand vor dem Koloß des alten Gottes eilter der aufgeregte, tierische Papageno."

"Die Zauberflöte". Von Paul Adler? "Ein Roman"? Es gibt Lektüren, bei denen Herausforderung, Irritation, Staunen und Glück in eins fallen – die dem Leser zwar eingängiges Verstehen verweigern, ihm dafür aber Erfahrungsräume öffnen, vielleicht sogar offenbaren. Weil in deren Sprache das Menschsein sowohl in größtmöglicher Freiheit als auch in notwendiger Rückbindung an einen höheren, metaphysischen Zusammenhang aufscheint.

"Es ist ein Novum in der Dichtung, es ist ein geistreiches Buch. (…) Dies Buch ist eine große Dichtung, ebenso schön wie tief." In der Tonlage heruntergekühlter als noch vor hundert Jahren bei Kurt Pinthus, doch mit gleichem Nachdruck müssen heute Bedeutung und Lob eines Autors bekräftigt werden, dessen außergewöhnliche Werke im kleinen Kreis seiner expressionistischen Zeitgenossen mit Begeisterungshymnen gefeiert wurden, der einem breiteren Publikum jedoch kaum bekannt gewesen und schließlich fast ganz vergessen war. Obwohl oder gerade weil sich in diesen Texten die Krisenhaftigkeit des frühen 20. Jahrhunderts in höchstem Maße verdichtet und zugleich historisch tief hinunter reicht in deren vielschichtige Ursachen und Traditionen, ihre abgründigen Ängste und ambivalenten Sehnsüchte.

"ICH BIN EIN MENSCH, DEM EINIGES UNKLAR ist, nicht bloß draußen in dem Lauf der Welt, wie man sagt. Vielmehr bin ich über mich selbst in einem bestimmten Punkte unklar. (…) Etwas ist mir verloren gegangen, ich weiß selbst nicht von welcher Art. Das ist gewiß ein unerträglicher Zustand. Ich kann es vielleicht durch mein Besinnen aufstöbern. Es liegt irgendwo im Zimmer. (…) O, wie doch die Zeit vergeht, und man wird so freundlich dabei, manchmal sogar heiter. Das macht auch die Sonne. Ich bin immer von der Sonne so abhängig. Da sitzt meine Mutter mir gegenüber auf Wolle unter der Sonne. Sie sitzt natürlich nur in Gedanken da, aber das ist mir heute nicht unangenehm. Man kann mich ganz ruhig mit meinen Erinnerungen allein lassen."

Paul Adler, 1878 in Prag geboren, deutsch-jüdisch assimiliertes Elternhaus, Jurastudium, Doktor der Jurisprudenz, hat früh den bürgerlichen Karriereweg verlassen. Mit familiärer Unterstützung, aber auch überzeugter radikaler Konsequenz tritt er die Lebensform eines kosmopolitischen Bohemiens an, vagabundiert sieben Jahre durch Europa und findet in Berlin und dann in der Dresdner Gartenstadt Hellerau das soziale und intellektuelle Milieu, wo er zu seiner Bestimmung findet: als moderner Dichter. Hinzu kommen seine Arbeiten als Übersetzer (unter anderem von Paul Claudel, Gustave Flaubert, Jean Cocteau und Paul Valéry) und als Kulturjournalist. Ob Theodor Däubler, Carl Einstein oder Franz Kafka, ob Martin Buber, Oskar Loerke und Kurt Pinthus, alle betonen die herausragende Bedeutung der Adler’schen Prosa in ihrer experimentellen Avanciertheit und Musikalität. Schnell wird der Literaturbetrieb auf ihn aufmerksam, nachdem ab 1910 erste Erzählungen erscheinen und dann in rascher Folge die Prosaexperimente "Elohim"(1914), "Nämlich"(1915) und "Die Zauberflöte"(1916). Als überzeugter Pazifist und religiöser Mensch begreift Adler seine dichterische Aufgabe angesichts des tobenden Weltkriegs in der Formulierung einer revolutionären Position. Politisch engagierte Literatur habe hinzuwirken auf eine Veränderung der aus den Fugen geratenen Welt. Denn nur in der dichterischen "Tat" könne sie ihr Eigenstes behaupten und der katastrophalen Wirklichkeit ein "autonomes" poetisches Welt-Bild entgegensetzen. Dabei halte sie den Blick auf eine höhere Ordnung gerichtet, auf das Ziel eines "neuen Menschen".

"Die Lawinen donnerten lauter, die Stimmen fragten zornig und in der Begeisterung: ‚Ist keiner, der sich wagt? Wer trägt die stolze Gefahr?‘ Der große Mönch: U-Tao-Tse Nomotus sagte, indem er einen Stab von einer unsichtbaren Hand an sich nahm, indessen der Berg unter seinen Füßen verloren ging, mit vernehmbarer und von der Wand vierfach zurückgestrahlter Stimme: ‚Ich‘."

Adlers Dichtungen schlagen ihre ästhetischen Funken an den Schnittstellen von Wahrnehmung und des Denkens: Was ist Wirklichkeit, was Traum, was Wahn? Was entzieht sich dem Bewusstsein? Berührt Innerstes Göttliches? Hier deutet sich im modernen Zweifel noch einmal eine utopische Hoffnung an: die im Paradies geschlagene Wunde der Erkenntnis mit dem Wunder des Magischen, mit dem anderen Sprechen zu heilen. "O, die Braut Avalun, die Zeitlose, jetzt geht sie auf den Wiesen auf! Man tut sie in Töpfe. Sie keimt im Geheimen immer und überall. Ein jedes Haus wahrt sie. Jedermann hat seine Herbstzeitlose. Jedermann hat seine Herbstzeitlose in seinem verwinterten Haus. Ich fürchte mich vor meinem Herbstzeitlose. Ich fürchte mich vor meinem Herbstzeithause. O Zeit. Die Mutter ist eine verrunzelte Elfe."

Dem expressionistischen Zeitgeist ebenso verpflichtet wie den jahrtausendalten Traditionen mystischer Spiritualität und philosophischen Denkens, setzt der Avantgardist Adler die Poeto-Logik des Sprachmaterials in laut- und bildassoziativen Verfahren frei und stellt so die alltäglichen Verstehensmuster in Frage, weist voraus auf die Radikalisierung der Formexperimente in Dadaismus und Surrealismus. "JA, DORT WOHL – WO MAN WOLLE SPINNT. Flocken, immer Flocken. Lauter Schlittschuhläufer. In meinem Barte sitzt ein Kristall. Ich bin ja Gott-Vater. Die weißen Englein spielen vor meinem Aug. Ich bestelle: Drehorgler, Rauschverkäufer, ihr solltet mir einen Psalm orgeln."

Nun geben gleich zwei Neuerscheinungen Gelegenheit, sich mit Adlers Werk auseinanderzusetzen. Die von dem Literaturwissenschaftler Claus Zittel herausgegebene und mit einem luziden Nachwort versehene "Absolute Prosa" macht die zentralen Texte des Adler’schen Werkes zugänglich und erlaubt den Blick auf einen der "größten Formkünstler und abgründigsten Dichter der literarischen Moderne Europas". Zeitgleich setzt mit "Nämlich", einem der "verstörendsten und zugleich sprachmächtigsten Prosatexte", der die wahnhafte Auflösung von Innen- und Außenwelt durchbuchstabiert, die von Annette Teufel betreute, auf fünf Bände angelegte kritische und kommentierte Werkausgabe ein. Und wer für den "un-verständlichen Propheten" Paul Adler Feuer gefangen hat, dem sei die 2014 ebenfalls von Teufel vorgelegte Monografie ans Herz gelegt. Sie leistet hervorragend die biografische und literarische Einordnung Adlers in den historischen Kontext, erhellt die Eigenständigkeit seines hochkomplexen "privaten Mythos" ebenso wie sie dessen weitreichende Beziehungen, die von jüdisch-christlicher Mystik und Messianismus über die expressionistische Kunstrevolution bis zum pazifistischen Engagement reichen.

Ein späte Wiedergutmachung an einem, dessen dichterische Produktion bald versiegt. Aus Resignation über die gescheiterte Novemberrevolution 1918 und die reaktionären Kräfte, die in den Folgejahren die nächste Katastrophe vorbereiten? Oder weil der Welt doch schon alles "verkündet" war? Paul Adler verschwindet als öffentliche Person und nimmt zugleich die zunehmende antisemitische Verrohung sensibel wahr. Im März 1933 erfährt er die brutale Gewalt am eigenen Leib, als SA-Schergen ihm die Zähne einschlagen. Er flieht sofort. Verarmt, gedemütigt und schließlich schwer krank übersteht er im Verborgenen nahe Prag die NS-Diktatur. Am 8. Juni 1946 besiegelt sein Tod die Selbstauslöschung. Der Nachlass gilt als verloren.

Gerade angesichts der aktuellen politischen Debatten und ihrem salonfähig gemachten Brandstiftertum; gerade in einem Land, wo das Wort "Vogelschiss" einen GAU kaschiert; gerade mit staunendem Blick auf die gekappten Traditionslinien einer mehr als tausendjährigen, weit über "das Deutsche" hinausragenden, von so viel Fremdem befruchteten Kultur ist es von eminenter Bedeutung, an Autoren wie Paul Adler zu erinnern: ihr Ringen, dem zwiespältigen menschlichen Wesenkern näher zu kommen, an ihre Visionen für eine "neue Gesellschaft", die das Leid der Geschichte an ein gutes Ende führen könnten.

Paul Adler: Absolute Prosa. Herausgegeben von Claus Zittel. C. W. Leske Verlag,
Düsseldorf 2018. 456 Seiten, 28 Euro.
Paul Adler: Nämlich. Gesammelte Werke 2. Herausgegeben von Annette Teufel. Thelem Verlag, Dresden 2017. 256 Seiten, 34,80 Euro.
Annette Teufel: Der ,un-verständliche‘ Prophet Paul Adler. Ein deutsch-jüdischer Dichter. Thelem Verlag, Dresden 2014. 533 Seiten, 59 Euro.