KRIMINALROMANE: Feindliche Übernahme

Joachim Schneider

Von Joachim Schneider

Sa, 27. April 2019

Literatur & Vorträge

Ein Roman von Jim Nisbet, Johnny Tempels Erzählband.

Düster geht es zu in diesen Geschichten über Städte und Gegenden in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Welt ohne Skrupel

Es gibt keine Entwicklung, es ist alles schon schlimm genug. Das Unausweichliche lauert an jeder Ecke: Irgendwann muss es halt einfach schief gehen in der "Welt ohne Skrupel".

Jim Nisbet, der große Chronist San Franciscos erzählt diesmal von einem Obdachlosen, der sich als Gelegenheitsgauner über Wasser hält. In Nisbets bizarrem Figurenkabinett geht dieser Mann fast als "Normalo" durch, der sich an einer Neudefinition von Existenzminimum versucht. Nach einem halb gelungenen Coup schützt nach dem wohlverdienten Vollsuff ein schäbiges Hotelzimmer direkt über der Kaschemme vor dem Regen: Man muss sich ja nicht unbedingt in der Gosse den Tod holen.

Klinger heißt dieser eher kleine, eher unscheinbare Mann, der sich tapfer durchs Leben schlägt und es nicht mehr schafft, eine bürgerliche Existenz aufzubauen, aber durchaus eine ehrliche Haut genannt werden kann. So hat er sogar eine Art Freund: Mit ihm, Frankie Geeze, einem begnadeten Taschendieb, überfällt Klinger den App-Programmierer Phillip Wong. Ihr Opfer wehrt sich aber wie ein Berserker, die Sache geht schief. Klinger fällt dennoch dessen Smartphone in die Hände, auf dem sich wertvolle Algorithmen befinden. Klar weckt dieses Gerät Begehrlichkeiten, zumal Wong mit seiner Chefin und Ex-Freundin auf Kriegsfuß steht. Klinger gerät mit dem ortbaren Smartphone in die Fänge dieser Managerin, und in eine Welt ohne (moralische) Skrupel. Wenn man so will, endet sein Start-up-Unternehmen im realen Kapitalismus mit einer feindlichen Übernahme.

USA Noir

Die Atmosphäre und dieses unglaubliche Gespür für Timing machen Nisbets Romane zu etwas ganz Besonderem. Doch könnte man auch diverse Seiten einfach extrahieren und die würden in den Band "USA Noir" passen, einer großartigen Sammlung von Kurz- und Kriminalgeschichten aus den Staaten. Nach dem Start der Serie hierzulande mit "Paris Noir" 2017 und dem Heimspiel "Berlin Noir" 2018 erscheint nun quasi der Auslöser dieser fantastischen internationalen Reihe auf Deutsch.

Die Auswahl der Geschichten für "USA Noir" ist relativ willkürlich. Selbst der "Noir-Gedanke", das Düstere, wird nicht allzu dogmatisch verfolgt. Oft ist es ein Abarbeiten am Genre, das Unterlaufen von Klischees, das die 14 Geschichten ausmacht, manchmal auch – ganz klassisch – das Setzen der Pointe. Ist der Stil lakonisch und großspurig, überrascht die Niederlage des coolen Erzählers am Ende umso mehr. Manchmal passiert eigentlich nichts wie in Joyce Carol Oates’ Psychogramm einer frisch gegründeten Patchwork-Familie, nur die Spannung knistert fast unerträglich. Eine kleine Lektion in trauriger Indianer-Geschichte liefert Joseph Bruchacs Action-Drama "Die Helfer". Dennis Lehanes Geschichte "Cash" von einem aufgelesenen und einem erschossenen Hund ist schon berühmt, auf Deutsch sollte es diese ganze weltumspannende Reihe noch werden.

Jim Nisbet: Welt ohne Skrupel. Deutsch von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2019. 234 Seiten, 14,80 Euro.
Johnny Temple (Hrsg.): USA Noir. Deutsch von Jan Karsten. Cultur Books, Hamburg 2019. 344 Seiten. 15 Euro.