LESETIPP: Heiter und Traurig

Thomas Fricker,

Von Thomas Fricker &

Sa, 01. August 2020

Literatur & Vorträge

"Otto, Ingenieur, gebürtig in Rumänien, Herr über ein Reihenhaus und zwei unglückliche Töchter, war schon eine Heimsuchung, bevor er ins Krankenhaus kam. Als er entlassen wurde, geschah, was niemand für möglich gehalten hatte: Es wurde noch viel schlimmer." Nein, freundlich klingt es nicht, was Danna von Suffrin ihre Ich-Erzählerin sagen lässt. Im Gegenteil. Wie Timna ihren Vater beschreibt, erinnert an Abrechnung. An Bitterkeit über einen störrischen alten Juden, der mit seinen Schrullen nicht nur den Töchtern das Leben schwer gemacht hat. Der jetzt an der Neige seines Lebens angelangt ist, beim ADAC anruft, weil dessen Nummer oben in der Handy-Liste erscheint, Windeln trägt und mit Gerede über Urin, Blutdruck und Leberwerte nervt. Aber das ist halt nur die eine Seite der Geschichte. Die andere ist eine Liebeserklärung an genau diesen Menschen, der immer ein paar Goldmünzen in petto hält, falls Christen wieder einmal Juden umbringen sollten und neuer Holocaust droht. Der in München lebenden Historikerin und Autorin Dana von Suffrin gelingt es, mit großem Sprachwitz über die letzten Monate ihres Vaters zu erzählen, dessen Persönlichkeit ohne das jüdische Trauma von Verfolgung und Vernichtung nicht zu verstehen ist. Heiter, traurig und berührend zugleich.

Dana von Suffrin: Otto. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 229 Seiten, 20 Euro.