Zwei Romane über das Abhauen

Ursula Thomas-Stein

Von Ursula Thomas-Stein

Di, 23. August 2016

Literatur & Vorträge

Zwei Romane über das Abhauen: "Wir beide wussten, es war was passiert" und "Bellcanto".

Einfach abhauen, von zu Hause weglaufen – das will jedes Kind, jeder Jugendliche einmal. Viele tun es auch. Schlechte Noten, Mobbing, Liebeskummer oder Stress in der Familie sind Auslöser. Das ist wohl auf der ganzen Welt so. Zwei Geschichten, eine aus Australien und eine aus Deutschland, zeigen, wie sich das Thema entwickelt hat, seit Huckleberry Finn den Mississippi hinunter stromerte.

"Alles Gute, ihr braven Spießer, leckt mich am Arsch!", schreibt Billy auf die Fensterscheibe seines Klassenzimmers, bevor er abhaut. Und drunter: "Billy Luckett, reimt sich auf …" Was wohl? Billy, der selbstbewusste Held aus Steven Herricks "Wir beide wussten, es war was passiert", lässt zum Abschied die Zigaretten und den Alkohol des gewalttätigen Vaters mitgehen: "Der alte Dreckskerl kriegt einen Anfall. Und ich? Bin weg."

Eine Heldenreise beginnt: Mit dem Güterzug verlässt der 16-Jährige sein "Horrorkaff" und kommt am nächsten Morgen in der fiktiven Stadt Bendarat an, irgendwo im Osten Australiens. Billy wohnt in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon, liest stundenlang in der Bibliothek, isst Reste bei McDonalds und lernt tolle Leute kennen. Mit Old Bill, seinem trinkenden, fluchenden obdachlosen Nachbarn, freundet er sich an und in die aufgeweckte 17-jährige Caitlin, die bei McDonalds putzt, um ihr Studiengeld zu verdienen, verliebt er sich. Wie das alles passiert, erleben wir hautnah mit. Denn die ungewöhnliche Kurzform der Geschichte – sie ist in reimlosen freien Versen geschrieben –, wirkt wie ein Katalysator. Wir fiebern der ersten Verabredung von Caitlin und Billy entgegen, halten den Atem an, als Billy von der Polizei entdeckt wird, staunen über Old Bills Flüche, seine Vergangenheit und seine geniale Lösung für Billys Notlage. Die drei Hauptfiguren kommen abwechselnd zu Wort und treiben die Geschichte in einem packenden Rhythmus weiter. Freundschaft und Liebe wenden schließlich alles zum Guten: Offenbar erfüllt sich hier eine Mission, und das fühlt sich wunderbar an.

In "Bellcanto" von Christa Ludwig gibt es gleich zwei Ausreißer: den 12-jährigen Robin Renk und den 81-jährigen Eduard Heyse. Robin klaut und schwänzt die Schule, während seine Mutter trinkt, Heyse ist grantig und garstig, weil er im Altenheim versauert. Der einzige Lichtblick: Besuchshund Bellcanto, der stundenweise vorbeikommt. "Bissige Hunde und allerbissigste Menschen wurden freundlich und liebenswürdig, wenn er nur da war", denkt Heyse und wird – in Bellcantos Erwartung – selbst ganz milde.

Mit Bellcanto traut sich Robin auszureißen und prompt trifft er auf den alten Heyse, der sich mit ein paar Insulinspritzen aus dem Staub gemacht hat. Es ist zum Lachen und zum Weinen – ein unterzuckerter sauertöpfischer Alter und ein mutiger entschlossener Junge, die beide um das Einzige kämpfen, was ihnen noch wichtig ist: einen Hund. Notgedrungen bleiben sie zusammen und erleben drei Tage und drei Nächte lang tolle und gefährliche Abenteuer. Aber neben der ganzen Aufregung – auch ein umwerfendes Mädchen kommt ins Spiel – wird klar: Veränderung ist nur durch Vertrauen möglich. "Bellcanto" ist ein tierisch gutes Beispiel dafür.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war was passiert. Roman. Aus dem australischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn. Thienemann Verlag, Stuttgart 2016. 208 Seiten, 14,99 Euro. Ab 13.
Christa Ludwig: Bellcanto. Roman. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016. 229 Seiten, 16,90 Euro. Ab 11.