Lockdown hier, Öffnung da

Gerd Höhler

Von Gerd Höhler

Mi, 05. Mai 2021

Ausland

Während die Außengastronomie in Griechenland wieder öffnen kann, gelten in der Türkei noch harte Beschränkungen.

. Seit Montag können die griechischen Gastronomen nach sechs Monaten Corona-Zwangspause wieder Gäste bewirten. Der Andrang war gleich am ersten Tag gewaltig. Aber für manche Wirte kommt die Öffnung zu spät. In der Türkei dagegen versucht Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit strikten Ausgangssperren, geschlossenen Schulen, Geschäften und Betrieben die explosionsartige Ausbreitung des Coronavirus in den Griff zu bekommen – auch um die Tourismussaison noch zu retten.

"Kali orexi", guten Appetit, wünscht Stelios, als er den griechischen Salat, die gegrillten Kalamarakia und die Patates, die knusprigen Pommes frites, serviert. Aperanto Galazio, unendliches Blau, heißt die Taverne am Strand von Varkiza, eine halbe Autostunde von Athen. Treffender könnte der Name nicht sein: Die Tische stehen im Sand, am Horizont fließen das Blau des Meeres und des Himmels ineinander, und am Montag stieg das Thermometer in Athen auf sommerliche 32 Grad. "Ich hoffe, das war der letzte Lockdown", sagt der Inhaber Stelios während einer Ruhepause unter einem der Olivenbäume auf der Terrasse. Seit dem 7. November 2020 waren Restaurants, Cafés und Bars in Griechenland geschlossen. Jetzt ist der Andrang umso größer. Vor vielen Lokalen bildeten sich lange Schlangen.

Vorerst gelten aber Beschränkungen: Die Anzahl der Gäste, der Abstand der Tische und Stühle voneinander, die Öffnungszeiten: Alles ist haarklein geregelt in einer vergangene Woche von der Regierung erlassenen Verordnung. Die Lokale dürfen nur im Freien bewirten, sechs Gäste pro Tisch sind erlaubt. Sie dürfen die Masken nur zum Essen und Trinken absetzen, Speisekarten müssen desinfiziert werden. Die Beschäftigten müssen einmal in der Woche einen Selbsttest machen und das Ergebnis den Gesundheitsbehörden melden. Um 22.45 Uhr müssen die Lokale schließen, denn um 23 Uhr beginnt die Ausgangssperre.

Die Öffnung der Außengastronomie ist ein wichtiger Schritt zum Neustart in den Tourismus. Er ist für den 15. Mai vorgesehen. Dann könnte im nächsten Schritt auch die nächtliche Ausgangssperre weiter gelockert werden.

Aber für viele Wirte kommt das Ende des Lockdowns zu spät. Branchenexperten schätzen, dass von den 80 000 griechischen Gastronomiebetrieben etwa 10 000 wirtschaftlich nicht überstehen werden. Die Regierung versucht zwar, die Branche zu stützen, aber nur rund 34 000 Betriebe erhielten nach Angaben des griechischen Finanzministeriums im vergangenen Jahr 1,9 Milliarden Euro. Das Statistikamt Elstat beziffert die Einbußen der Branche allein 2020 auf 2,8 Milliarden. Tatsächlich dürften sie weit größer sein. Denn in der Gastronomie läuft in Griechenland ein Teil der Umsätze an den Büchern vorbei. Von den 432 000 Beschäftigten waren während des Lockdowns zeitweise bis zu 258 000 freigestellt. Sie erhielten das Kurzarbeitergeld von 534 Euro pro Monat. Jetzt droht vielen Arbeitslosigkeit.

Auch die Türkei hofft auf einen Aufschwung: "Am 1. Juni werden wir die Tourismus-Saison eröffnen", verkündet Kultur- und Tourismusminister Mehmet Ersoy. Bis dahin soll der Lockdown die Zahl der Neuinfektionen von gegenwärtig rund 25 000 täglich unter 5000 drücken. Dieser Lockdown, der bis 17. Mai gilt, ist der strengste seit Beginn der Pandemie: Nur für die nötigsten Lebensmitteleinkäufe oder Arztbesuche dürfen die Menschen ihre Wohnungen verlassen. Wenn die Zahlen sinken, könnten die türkischen Hoteliers in diesem Jahr 30 Millionen Gäste begrüßen, glaubt Ersoy. Das wären doppelt so viele wie 2020.

Noch sind allerdings viele Hotels gar nicht geöffnet. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der ausländischen Urlauber um 72 Prozent zurück. In den ersten drei Monaten 2021 kamen 54 Prozent weniger Gäste. Um den Tourismus anzukurbeln, hatte Staatschef Erdogan die meisten Corona-Restriktionen Anfang März gelockert. Aber die Rechnung ging nicht auf. Binnen weniger Wochen versechsfachten sich die Neuinfektionen. Die Sieben-Tage-Inzidenz überstieg am 21. April erstmals seit Beginn der Pandemie den Wert von 500. Aktuell liegt der Wert im Landesdurchschnitt bei 276.

Viele Hotelbesitzer, die ihre Häuser mit Krediten renoviert oder erweitert haben, kommen in finanzielle Schwierigkeiten. Eine Pleitewelle im Tourismus ist das Letzte, was Erdogan jetzt braucht. Die Regierung setzt deshalb alles daran, die diesjährige Reisesaison zu retten. Beschäftigte im Tourismussektor werden vorrangig geimpft. Dagegen verzichten die Behörden bei Touristen auf den Nachweis einer abgeschlossenen Impfung. Einreisende Urlauber müssen ab 15. Mai nicht mal einen negativen Test mitbringen. Touristen bleiben auch von den Beschränkungen des Lockdowns ausgenommen, von der Maskenpflicht sind die Gäste befreit.