"Doyen" vom Bodensee singt Loblied aufs Alemannische

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Sa, 01. Juni 2019

Lörrach

Bruno Epple liest bei "Literarische Begegnungen" des Hebelbunds im Museum / Wenn er drei "Bollen" Eis bestellt, wird er korrigiert, das heiße "Kugeln".

LÖRRACH. "Er macht aus einer Welt, die alles andere als heil ist, eine schönere Welt." Dies hat Martin Walser einmal über Bruno Epple, den "Doyen" der Bodensee-Literatur, gesagt. Nach fünf Jahren war der Lyriker und Erzähler aus Wangen wieder beim Hebelbund im Dreiländermuseum zu Gast. Trotz seiner 87 Jahre nahm der geschätzte Maler-Poet den Weg von der Höri nach Lörrach auf sich, um aus seinem Lesebuch "Erntedankfest" und anderen Bänden zu lesen.

Hebelbund-Präsident Volker Habermaier hieß Epple in der Reihe "Literarische Begegnungen" im Hebelsaal warmherzig willkommen. Er sei ein "Dichterschöpfer", der die alemannische Mundart liebe, weil sie so wortschöpferisch und ausdrucksstark sei. Habermaier hob die enge Verbindung von Malerei und Dichtung im Schaffen Epples hervor. Die Bildmächtigkeit, das bildhafte Schreiben sei charakteristisch in Epples literarischem Werk. "Durch das Evozieren eines Augeneindrucks im Wort schaffen seine Gedichte eine neue Welt", so Habermaier, der in Epples literarischem Schaffen eine große Nähe zu Johann Peter Hebel erkannte. Die Zuhörer sollten auf den Variantenreichtum der Sprache und die Vielfalt der Eppleschen Verben achten. "Gedichte flattern dahin wie Blätter von den Bäumen…", zitierte er den Poeten.

"Alles schee gseit", freute sich Epple. Am Lesepult stehend, erzählt er von seiner Entdeckung der Mundart, mit der er aufgewachsen ist. Als er zum Studium nach München ging, habe er sich intensiv mit dem Mittelhochdeutschen beschäftigt, mit dem Nibelungenlied und den Minnesängern. Epple las einige frühe Mundartgedichte, darunter bildhafte, stimmungsvolle Naturlyrik über das Schilf von 1957.

Drei Jahre lang habe er jeden Monat eine Glosse über Mundartwörter verfasst. Aus diesen "Vergnüglichen Lektionen zur alemannischen Mundart", die unter dem Titel "Wosches" erschienen sind, trug er mit dem ihm eigenen Humor einige Kostproben vor. Gern spürt Epple, auch mit Hilfe des etymologischen Wörterbuchs, den Wurzeln bestimmter Ausdrücke und Begriffe nach. Zum Beispiel "Bolle", was etwas Knolliges, Kugeliges meint. Wenn er drei "Bollen" Eis bestelle, werde er von der Kellnerin korrigiert, dass es Kugeln heiße. Epple legte in seiner Wortwurzel-Forschung dar, dass Heirat, Heim und Heimat "aus dem gleichen Haus" kommen. Ebenso hellhörig für Epples bilderreiche Sprache machten Beispiele aus seinen Monatsgedichten, in denen er so trefflich und pointiert schildert und charakterisiert, als wäre es eine Person.

Einen anderen Ton brachte der Gast zum Thema Fasnacht ein. Gar schauerlich ging es zu in der Ballade über eine Fahrt mit dem Boot, in dem lustige "Narreleut" über den See rudern und nebelweiß der gruslige Tod mitfährt. "Wie nah beim Narr der Tod steht", macht Epple darin eindrücklich deutlich. Beim Thema der Vergänglichkeit blieb der Dichter auch in einem Text aus "Ein Konstanzer Totentanz". Das Unausweichliche des Todes, das Epple philosophisch, lebensweise und tiefgründig beschreibt, geht jedem nahe, weil es jeden betrifft. Die Worte des Todes bleiben haften: "Chumm au mit, jetzt bisch du dra."

Epple las vorwiegend aus dem Band "Erntedankfest", aber auch aus "Wosches" und "Dinne und Dusse". An den Schluss setzte er "eines meiner besten Stücke" "Doo woni wohn", ein Gedicht, in dem er die Welt, die ihn umgibt, vielschichtig einfängt: die Welt aus der Vergangenheit, aus der Antike, aus dem Altgriechischen, die Welt der Mönche auf der Klosterinsel Reichenau, das Blau des Sees und das Blau des Himmels, bei dem er die Ägäis vor Augen hat, die Flugzeuge von Kloten, die in alle Welt fliegen. Darauf spielt Epple in diesem Gedicht an.

Was der Dialekt, was das Bodensee-Alemannisch alles könne, welche Tiefe, Tiefgründigkeit und Klangschönheit darin erhalten sei, habe Bruno Epple gezeigt, würdigte Habermaier seinen literarischen Gast, der im Anschluss gerne die Bücher signierte.