Ein Plädoyer für die Mundart

Ansgar Taschinski

Von Ansgar Taschinski

Mo, 06. Mai 2019

Lörrach

Hebelbund Lörrach verleiht dem elsässischen Autor Pierre Kretz im Dreiländermuseum den Hebeldank.

LÖRRACH. Der Hebelbund Lörrach hat den Hebeldank am Sonntag dem elsässischen Autor Pierre Kretz verliehen. Autor Arnold Stadler sprach zur "Vergänglichkeit" und las Passagen aus seinem Werk. Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung im Hebelsaal des Dreiländermuseums von Geiger Gregor Hänssler, der Stücke von Sebastian Bach und Eugène Ysaÿe spielte. Zuvor hatte es in der Lörracher Stadtkirche einen alemannischen Gottesdienst gegeben.

Mit dem Hebeldank ehre der Hebelbund Lörrach Personen, die sich wie Johann Peter Hebel selbst um die Kultur und und Sprache der Dreilands verdient gemacht haben, erklärte Volker Habermaier, der Präsident des Hebelbundes Lörrach. Darunter seien bereits Theologen, Pädagogen und Autoren gewesen, die im Sinne Johann Peter Hebels arbeiten. In diesem Jahr ging der Preis an den elsässischen Autor Pierre Kretz.

"Das Elsass ist wie die Toilette Europas; immer ist es besetzt", zitierte Habermaier in seiner Laudatio den verstorbenen französischen Schriftsteller und Illustratoren Tomi Ungerer. Das Elsass gehöre damit sowohl zur französischen wie auch zur deutschen Geschichte. Die Mundart gehöre etwa zur deutschen, die Amtssprache zur französischen Sprache. In dieser Ambivalenz finde sich auch Pierre Kretz wieder.

Mit seinen Romanen sei er in Frankreich genauso verwurzelt wie mit deren Übersetzungen und seinen Mundartstücken, allen voran dem Monolog "Ich ben a beesi Frau", in Deutschland. Mit seinem Roman "Der Seelenhüter", auch wenn er von der Geschichte des Elsass handle, gelinge Kretz dabei eine Welt-Beschreibung und nicht nur irgendeine Heimatliteratur. So wie auch für Hebel Welt und Heimat keine Widersprüche waren. Ein Preis im Namen Hebels ehre so zu Recht auch Pierre Kretz.

Arnold Stadler über "Die Vergänglichkeit"

Der Schriftsteller Arnold Stadler, Hebelpreisträger 2010, widmete sich in seiner Rede Hebels Gedicht "Die Vergänglichkeit" und las Passagen aus seinem eigenen Werk. Dabei widmete er sich auch der Verbindung von Sprache und Heimat. Die Mondlandung habe sein Leben weniger verändert als Johann Peter Hebel, so Stadler. Hebel sei ein Sprachmensch gewesen, der seine Gedanken aufzuheben wusste jenseits der bloßen Information. Heimat sei für ihn der Inbegriff für das Schönste, das der Mensch haben kann, so Stadler. Doch leider sei seine Muttersprache bereits am sterben. "Heimat ist die Muttersprache", sagte Stadler. Es sei nicht schön, etwas Geliebtem beim Sterben zusehen und zuhören zu müssen. Dass Sprache mehr als Information sei, habe er am schönsten bei Hebel erlebt. Auch wenn Johann Peter Hebel nicht unvergänglich gewesen sei, so sei er doch unsterblich geworden. "Wenn es schon keine Menschen fürs Leben gibt, so gibt es doch Sätze", so Stadler.

Es sei ihm eine große Freude und große Ehre, den Hebeldank zu erhalten, sagte Pierre Kretz in seiner oft humorvollen Dankesrede, die er auf Elsässisch hielt. Dabei kam er auch auf die Situation des Alemannischen zurück. Hochdeutsch sei für ihn stets eine Fremdsprache geblieben, erklärte er. Das Gefühl zur Sprache, für den Rhythmus und die Wörter blieben im Elsässischen. Heute rede kaum noch jemand Elsässisch, so Kretz. Da sei ein solcher Anlass eine umso größere Freude. Man höre heute oft, dass einige Jüngere doch noch Dialekt reden. Das "noch" sage leider bereits alles über die Zukunft der Sprache aus.

In Frankreich sei es nicht nur der Zentralismus, sondern auch die Entwicklung der Gesellschaft selbst, die diese Entwicklung förderten. Doch auch auf der anderen Seite des Rheins gebe es das gleiche Problem. Man könne einen Dialekt nicht bewahren, wenn die Gesellschaft dahinter nicht mehr existiere. Früher sei man hier zum Friseur und im Elsass zum Coiffeur gegangen, heute fänden sich auf beiden Seiten plötzlich "Barbershops". Jedes Jahr verschwänden gemäß der Unesco 80 Dialekte auf der Welt und in ferner Zukunft bestehe die Shortlist der Sprachen aus nicht viel mehr als Englisch, Spanisch und Chinesisch.

Kretz erzählte von einer fiktiven Begegnung mit Hebel selbst. Darin sorgte sich auch dieser um die Zukunft des Dialekts. "Die Dichter sollen schreiben, schreiben, schreiben", riet dieser. Doch Kretz sorgte sich, dass das Geschriebene bald kaum noch jemand lesen könne, wenn niemand mehr Alemannisch spreche. Notfalls müsse man halt nach Basel, dort rede man es ja noch, so Kretz.