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Machen Smartphones kurzsichtig?

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

Do, 18. August 2016

Computer & Medien

Hirnforscher Manfred Spitzer sieht in Handys den Grund für Augenerkrankungen bei Kindern / Freiburger Mediziner relativiert das.

FREIBURG. Smartphones machen kurzsichtig. So die Behauptung des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer. Weil Menschen immer länger auf die kleinen Bildschirme glotzten, würde auch das Sehvermögen mit der Zeit schlechter werden. Diese These relativiert der Augenheilkundler Wolf Lagrèze von der Universitätsklinik Freiburg. Er sagt, nicht das Smartphone mache kurzsichtig, sondern eher der geringe Leseabstand.

"Generation Kopf unten", "Smombie" – es gibt viele Wortschöpfungen, die die exzessive Nutzung von Smartphones benennen. Längst sind digitale Geräte zum unverzichtbaren Begleiter geworden. Dass der ständige Blick auf das Handy nicht nur Segen ist, wissen die meisten. Die These, die der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer aufstellt, ist gewagt: Er warnte vor den Auswirkungen des exzessiven Gebrauchs von Smartphones. Der ständige Blick auf die Geräte führe zu Kurzsichtigkeit. "In Europa haben wir mittlerweile 30 Prozent kurzsichtige Kinder und Jugendliche, in China 80 Prozent und in Südkorea über 90 Prozent", kritisierte er am Montag im SWR. Südkorea habe schon "eine Generation von Brillenträgern" herangezogen. Dort werden statistisch gesehen die meisten Smartphones genutzt.

Machen Smartphones wirklich kurzsichtig? "Es ist nicht das Smartphone an sich, das kurzsichtig macht, sondern die viele Naharbeit oder das viele Sehen in der Nähe, oft in geschlossenen Räumen mit einem Mangel an Tageslicht", sagt Wolf Lagrèze. "Und da es sich heutzutage meist um ein Smartphone handelt, wenn sich Kinder etwas nah vors Gesicht halten, stimmt auch die These ein bisschen", so der Augenheilkundler.

Wenn Kinder also ständig in einem Abstand von weniger als 30 Zentimetern auf ein Smartphone schauen, ist das Risiko, kurzsichtig zu werden, erhöht. Der kurze Abstand und die langen Phasen des "Draufstarrens" fördern die Augenerkrankung. Ob es dabei eine Rolle spielt, dass es sich um einen Bildschirm und nicht um ein Buch handelt, kann die Forschung noch nicht sicher sagen.

Kurzsichtigkeit bedeutet, dass man weit entfernte Objekte unschärfer sieht als nahe gelegene, weil der Augapfel zu lang gewachsen ist. Die Bündelung von Lichtstrahlen findet vor der Netzhaut statt und nicht in der Netzhaut, wie bei gesunden Augen. In der Medizin spricht man von Myopie. Eine Erkrankung, die von der Weltgesundheitsorganisation zu den fünf Hauptproblemen in der Augenheilkunde weltweit gezählt wird. Bis zum Jahr 2050 wird vermutlich die Hälfte der Weltbevölkerung davon betroffen sein.

"Eine Myopie entsteht oft im Grundschulalter, meist zwischen dem sechsten und 12. Lebensjahr", so Lagrèze. Nach dem 25. Lebensjahr nimmt sie nicht mehr zu oder entsteht erst gar nicht. Besonders in den vergangenen Generationen ist die Fehlsichtigkeit unter Kindern und Jugendlichen so stark gestiegen, dass es schwierig sei, dies allein genetisch zu erklären. Deswegen wird davon ausgegangen, dass Umweltfaktoren eine zentrale Rolle spielen.

Hier kommt das Smartphone ins Spiel, oder, besser gesagt, alle digitalen Bildschirme, auf die Kinder und Jugendliche starren. "Die Menschen orientieren sich visuell immer mehr im Nah- als im Fernbereich", sagt Lagrèze. Ein weiterer Faktor sei der Mangel an Tageslicht: Wer auf digitale Medien schaut, macht das meistens in geschlossenen Räumen. Und dass das Lesen in der Dunkelheit schlecht für die Augen ist, wusste schon die Großmutter. Es sind also die Stubenhocker, die besonders oft kurzsichtig werden.

Warum ist das so? Es gibt mehrere Studien, die den Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Tageslicht untersucht haben. Dabei kam heraus, dass die Erkrankung seltener entsteht, wenn sich Kinder oft draußen aufhalten. Das liegt daran, dass das Auge bei hellem Licht nicht übermäßig wächst – so werden die Kinder nicht kurzsichtig. "Außerdem schreitet die Myopie langsamer voran – das hat vermutlich etwas mit dem Dopaminstoffwechsel in der Netzhaut zu tun", so der Experte. Das sogenannte Glückshormon Dopamin hindere den Augapfel am Wachsen.

Weniger Smartphone, mehr draußen – ist die Formel so einfach? Lagrèze rät den Eltern seiner jungen Patienten tatsächlich, ihre Kinder zwei Stunden pro Tag nach draußen zu schicken. Sollte sich eine Kurzsichtigkeit trotzdem einstellen oder verschlimmern, verordnen er und sein Team auf 0,01 Prozent verdünnte Atropin-Augentropfen, womit sich die Zunahme von Kurzsichtigkeit im Kindesalter deutlich bremsen lässt. Denn diese ist nicht nur störend, sondern auch gesundheitsgefährdend. Bei Kurzsichtigen besteht ein erhöhtes Risiko für teilweise schwerwiegende Erkrankungen der Augen wie zum Beispiel Makuladegeneration, Netzhautablösung sowie grüner oder grauer Star.