Klassik

"Macht" ist das Leitmotiv des diesjährigen Lucerne Festivals

Alexander Dick

Von Alexander Dick

So, 18. August 2019 um 20:08 Uhr

Klassik

Mit einem Programm des russischen Komponisten und Pianisten Sergei Rachmaninow hat das bedeutendste Orchesterfestival der Klassik am Vierwaldstätter See begonnen.

Zwei Aussagen, die primär nichts miteinander zu tun haben: "Noch nie", sagt Hubert Achtermann, Stiftungsratspräsident des Lucerne Festivals, in seiner Begrüßung zur diesjährigen Ausgabe des renommierten Klassikevents am Vierwaldstätter See, "mussten wir uns gegen Druck von unseren Sponsoren bei der Programmgestaltung wehren." Gerne, sagt die Dame in der Reihe hinter dem Kritiker wenig später, wäre sie in ein anderes Programm gekommen – Beethovens Neunte. Aber es sei ja schon ausverkauft gewesen. Und so habe sie mit dem Eröffnungskonzert mit dem Lucerne Festival Orchestra vorliebnehmen müssen. Und einem Rachmaninow-Programm.

In beiden Fällen geht es um "Macht". So lautet auch das Motto und Leitmotiv des Festivals in diesem Jahr. Die Künstler und Veranstalter sind froh darob, dass ihnen die Geldgeber nicht sagen, was sie doch bitte spielen sollten. Und im Publikum herrscht Bedauern über die offenbare Ohnmacht im Hinblick auf die Programmauswahl. Dass Kunst letztlich im Lessing’schen Sinne nach Brot – und damit nach Geld – geht: Es lässt sich nicht ausblenden.

Wie auch beim Anfang für Sponsoren, Freunde und Gönner, den das weltweit bedeutendste Orchesterfestival der Klassik traditionell im Foyer des Hauptschauplatzes, Jean Nouvels Luzerner KKL, direkt am See, ausrichtet. Dem Leitmotiv gemäß wird Macht hier standesgemäß in Szene gesetzt. Eine übergroße Projektion des Spiegelsaals von Versailles, Kristalllüster, lange, von künstlichen Pflanzenrabatten gesäumte grüne Teppiche und ebenso lange Tafeln sollen unterstreichen, dass die Substantive Macht und Pracht mehr verbindet, als trennt. Und dass die Kunst stets auf die angewiesen ist, die Macht ausüben. Ob sie nun nicht in die Programme hineinreden oder über deren Auswahl letztlich doch enttäuscht sind.

Macht und Ohnmacht im Kontext eines Künstlerlebens

Dabei ist Rachmaninow keine schlechte Entscheidung, im Gegenteil. Warum? Weil die Biographie des russischen Komponisten (1873–1943) mit den politischen und persönlichen Schicksalsschlägen ein Ausdruck von Macht und Ohnmacht im Kontext eines Künstlerlebens ist. Riccardo Chailly, seit 2016 Chef des von Claudio Abbado gegründeten Lucerne Festival Orchestra, fühlt sich seit einiger Zeit dem Œuvre Rachmaninows besonders verpflichtet. Man könnte fast sagen, da geht es um ein Stück Rehabilitation eines Künstlers, der noch immer als Klaviervirtuose höheres Ansehen genießt als als Komponist. Zu Unrecht, was dieses Eröffnungskonzert unterstreicht. Aber auch als nachvollziehbaren Gründen: Die "volle Dröhnung" Rachmaninow fordert den Zuhörern einiges ab an emotionaler Verausgabung.

Das populäre dritte Klavierkonzert zum Auftakt ist solch ein Werk von höchster individueller klanglicher Vereinnahmung. Wobei es aber nicht stimmt, dass Rachmaninow hier ein reines Virtuosen-Paradestück (für sich als Uraufführungsinterpreten 1909 in den USA) verfasst hat. Bei allen Eruptionen und klanglichen Ekstasen – gerade das Hauptthema des ersten Satzes ist geradezu weltentrückt. Denis Matsuev unterstreicht das am Ende, in der Reprise, mit zartestem Legato-Spiel. Man könnte fast sagen, das Konzert sei Teil der DNA des russischen Pianisten – so traumwandlerisch sicher bewegt er sich durch die höllisch schweren drei Sätze.

Dennoch befremdet es dann doch etwas, dass der Löwe die Pranke oft genug zu heftig spüren lässt: Matsuevs Forte-Ausbrüche sind klangliche Eruptionen, nicht frei von Schmerzen. Gerade im ersten Teil des Kopfsatzes tut das der Transparenz von Rachmaninows so fein gewobener Partitur nicht immer gut; manches verschwimmt leicht im Zusammenwirken von Orchester und Solist. Rachmaninow hat zwei Kadenzen für diesen Satz geschrieben – Matsuev entscheidet sich für die virtuosere, umfänglichere. Und punktet mit seiner souveränen Energetik – ausgeklügeltes Pedalspiel inklusive. Dass er die empfindsame Kunst des Tastenspiels ebenso virtuos beherrscht – die Zugabe, Rachmaninows Etude-Tableau Nr. 2 Op. 39 unterstreicht es. Dazu passt seine sich nach der Pause anschließende Orchesterfassung der bekannten Vocalise op. 34 – zart, sich in der Intensität der Streichervibrati erst allmählich steigernd gespielt.

Lauter Solisten – trotzdem ein exklusives Kollektiv

Das Lucerne Festival Orchestra erweist sich auch an diesem Eröffnungsabend als Klangwunder: ein Orchester, zusammengesetzt aus Spitzenmusikern aus ganz Europa – lauter Solisten, und trotzdem ein exklusives Kollektiv. Das angesichts eines Taktstock-Magiers wie Riccardo Chailly über sich selbst hinauswächst. Rachmaninows dritte Sinfonie (1935/36), von Zeitgenossen und Nachgeborenen immer wieder unverstanden, erfährt hier eine schier unglaubliche Interpretation. Chailly macht die äußerst komplexe Konstruktion auch formal erfahrbar, vor allem aber zeigen er und die hinreißend schön spielenden Musikerinnen und Musiker, wie der Komponist Spätromantik, Impressionismus und Tendenzen der Moderne (auch nahe an Schostakowitsch) virtuos verbindet. Faszinierend, hinreißend der zweite Satz in seiner Kombination aus Adagio, Scherzo und Trauermarsch. Und während man sich dieser Interpretation ganz hingibt, spürt man sie, die Macht: die beglückende der Musik...

Lucerne Festival bis 15. September.
http://www.lucernefestival.ch