Manchmal versteht er seine eigenen Texte nicht

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Mi, 20. November 2019

Lörrach

Andreas Kohm rechnete damit, dass Zuhörer seiner Mundart-Lesung beim Hebelbund mitunter nicht ganz folgen können.

LÖRRACH. "De Schnawl" ist ihm "iwwerzwerch gwachse". Die literarische Begegnung des Hebelbunds im Dreiländermuseum führte zur literarischen Verunsicherung. In den Texten Andreas Kohms, Literaturwissenschaftler und Lyriker, ist Sprache ein Rohstoff, der bearbeitet, neu gedeutet und so jenseits des Gewohnten ist.

Irgendwann stieg eine Zuhörerin aus. "Ich komme nicht mehr mit", rief sie dem Autor zu. Andreas Kohm hatte damit gerechnet. Falls die Texte zu dicht oder die Bilder zu eng aufeinander folgen, dürfe man dies ruhig sagen, begann er seine Lesung, manchmal verstehe er seine Texte selbst nicht. Hinter dem Autor hängt ein großes zitronengelbes, vollgeschriebenes Plakat. So schreibt er also. So experimentell, so individuell, außerhalb eines jeden Rahmens. Andreas Kohm veröffentlicht seine Texte nur selbst in Zusammenarbeit mit einem Freund, der für die Illustration sorgt. Er gehört nicht zum Betrieb, egal zu welchem.

Kohm schreibt zweisprachig, in der Standardsprache und in der Muttersprache, der Sprache in der er aufgewachsen ist. Er stammt aus Durmersheim. Seine Sprache sei die nördlichste Variante des Alemannischen. Schon lange lebt er in der Pfalz. Seine Hinwendung zur Muttersprache reiche weit über das Provinzielle, das "Früher war alles gut" hinaus, so Hebelbund-Präsident Volker Habermaier in seiner Grußbotschaft. Obwohl diese Hinwendung zur Sprache der Kindheit vielleicht aber daher kommt.

Denn, so Andreas Kohm die Zeit als Kind habe er als gut und stimmig in Erinnerung. So nimmt er den Klang von damals mit in sein heutiges Schaffen, er glorifiziert nichts, er idealisiert nichts, er spürt den Dingen nach und sucht dafür seine eigene Klangfarbe. Er liest nicht nur, er erzählt auch viel über seine Art zu schreiben. Wie zum Beispiel die Liebe zu den Bäumen – er ist studierter Forstwissenschaftler – in der Liebe zur Sprache ein neues Metier fand.

Die Lesung war so vertraut wie ungewöhnlich. Er sei ein Wortfinder, in bekannten Wörtern entdecke er plötzlich eine weitere Bedeutung. So hat er einen Text für die Literaturzeitschrift Allmende geschrieben. Und er entdeckte das englische "all me". Linguisten sehen hier keinen Zusammenhang, der Poet schon. Alles ist seins, die Sprache, die Welt, die sie beschreibt, die Beziehungen, die sie ermöglicht. Auch wenn wir uns alle missverstehen, wie Andreas Kohm sagt, sei das Missverständnis, doch wieder Grund genug uns zu öffnen, um die Dinge zu erklären. Seine Denkweise mag "iwwerzwerch", verquer, verkopft und ebenso geerdet sein. In seiner Sprachwelt ist dies alles kein Widerspruch.

Andreas Kohms Gedichte in Mundart ist Heimatümelndem so fern wie nichts. Und doch klingt eine Sehnsucht darin. Auch wenn der Historiker, Literaturwissenschaftler und Philosoph von der Veränderung weiß, kann der Dichter den toten Kirschbaum von damals nur im Dialekt, der Sprache der Kindheit und Jugend, beschreiben.