Offenburg

Matthias Katsch über zehn Jahre Kampf um Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer der katholischen Kirche

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 21. Februar 2020 um 17:05 Uhr

Ortenau (Aufmacher)

Matthias Katsch war eines von vielen Opfern sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten. Im BZ-Interview berichtet der in Offenburg lebende Management-Trainer über seinen Kampf um Gerechtigkeit.

2010 war Matthias Katsch maßgeblich am Bekanntwerden der Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg des Jesuitenordens beteiligt. Katsch, in den 70er-Jahren Kolleg-Schüler und selbst Missbrauchsopfer, hat in den vergangenen Jahren bundesweit für Hilfen und Entschädigungen der Opfer gekämpft. Im Buch "Damit es aufhört" erzählt er seine Geschichte. Mit dem 57-Jährigen, der in Offenburg lebt, sprach Frank Zimmermann.

BZ: Herr Katsch, wenn Sie Bilanz ziehen: Was haben Sie erreicht für die Opfer?
Katsch: Niemand von uns Betroffenen hat damals glaubt, dass es so ein Marathon werden und so lange dauern würde. Das Wichtigste ist, dass das Thema nach 2010 nicht wieder von der Agenda verschwunden ist – weder in der Kirche noch in der Öffentlichkeit. Das ist das Verdienst von uns Betroffenen. Es sind Strukturen entstanden wie der Betroffenenrat, der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, die Aufarbeitungskommission, und es gibt die Präventionsanstrengungen der Kirche. Die Betroffenen haben immer wieder Druck gemacht gegenüber der Institution Kirche und der Öffentlichkeit. Was heute aber immer noch fehlt, ist ein Hilfesystem für Betroffene. Wir brauchen so etwas wie ein Opfergenesungswerk – die Möglichkeit für Betroffene, sich helfen zu lassen, ohne dass jede und jeder Einzelne das mit seinem Hausarzt diskutieren muss.

BZ: Was braucht es außerdem noch?
Katsch: Wir brauchen eine unabhängige Aufarbeitung und natürlich eine Klärung der Entschädigungsfrage. Da sind wir noch mitten im Prozess. Und wir müssen die Energie, die wir in die Auseinandersetzung mit der Kirche gesteckt haben, nutzen, um insgesamt dazu beizutragen, dass Kindesmissbrauch aufhört – es sind ja auch aktuell weiterhin Kinder in Gefahr. Es braucht dafür eine generelle Sensibilisierung: Man muss Missbrauch grundsätzlich für möglich halten, nicht in dem Sinne, dass man ihn hysterisch überall wittert. Aber wenn ich etwas gar nicht für möglich halte so wie in der Vergangenheit im Fall von Priestern, dann nimmt man selbst offensichtliche Anzeichen nicht wahr. Es muss normaler werden, darüber zu reden. Dann wird auch mehr aufgedeckt – und gleichzeitig werden die Räume für die Täter enger gemacht.


"2010 waren wir relativ naiv und dachten,

wir erzählen unsere Geschichte und dann

werden all die genannten Themen zügig bearbeitet."

BZ: Sie sagten, Sie hätten 2010 nicht gedacht, dass das so lange dauern würde. Was war denn Ihre Erwartung damals?
Katsch: Damals waren wir relativ naiv und dachten, wir erzählen unsere Geschichte und dann werden all die genannten Themen zügig bearbeitet – dann wird es eine unabhängige Untersuchung und Aufarbeitung, Hilfs- und Entschädigungsangebote geben. Aber alles musste mühsam angemahnt und eingefordert werden. Wir haben uns nie vorstellen können, dass es so zäh sein würde, was die Hinhaltetaktik der Kirche und die Öffentlichkeit betrifft. Die war zwar 2010 sehr empört angesichts der zahllosen Berichte über Missbrauch, aber ist dann doch sehr schnell wieder zu anderen Themen übergegangen. Alle Beteiligten fielen daraufhin wieder in alte Muster zurück.

BZ: Das heißt?
Katsch: Es gibt heute auch nicht mehr Fachberatungsstellen als vor zehn Jahren, und auch deren Finanzierung ist nicht wesentlich besser geworden, weil Kommunen, Länder und der Bund nicht genügend tun und keine nachhaltige Finanzierung entwickelt haben. Dabei gibt es einige tausend Betroffene im kirchlichen Bereich, für sie gibt es in Deutschland bis heute keine unabhängige Beratungsstelle, das ist etwas, was ich nicht verstehen.

BZ: Sie schildern in Ihrem Buch, wie Sie 2012, zwei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals, in ein Loch gefallen sind und sich zurückgezogen haben.
Katsch: Insbesondere der Besuch von Papst Benedikt in Deutschland (2011, die Redaktion) hat mir gezeigt, dass wenig Bereitschaft da ist, sich vorbehaltlos auf die Seite der Opfer zu stellen. Das war ernüchternd. Aber spätestens mit der Veröffentlichung der MHG-Studie vor zwei Jahren ist klar geworden, dass das Problem nicht gelöst ist. Seitdem haben wir eine Veränderung erlebt, sowohl auf Seiten der Kirche, die jetzt anerkannt hat, dass es sich nicht nur um bedauerliche Einzelfälle handelt, sondern dass dahinter ein System stand, als auch auf Seiten der Öffentlichkeit, die mir heute ungeduldiger erscheint und weniger Verständnis hat für weitere Verzögerungen.
"Die Tatsache, dass Betroffene beteiligt

waren, ist ein Riesensprung nach vorne."

BZ: Warum war die Studie so wichtig?
Katsch:
Sie hat deutlich gemacht, dass bei Missbrauch Priester systematisch einfach weiter von einem Standort zum anderen versetzt und die Vorfälle systematisch unter der Decke gehalten worden sind. Und sie hat aufgezeigt, dass es systematische Ursachen dahinter gibt: die Machtverhältnisse in der katholischen Kirche, der Umgang mit dem Thema Sexualität, der Zölibat. In der Öffentlichkeit und auch unter den Verantwortlichen in der Kirche war großes Erschrecken durch die Studienergebnisse. Mit der Anerkennung durch die Deutschen Bischöfe, dass es sich um ein systemisches Problem handelt und die Kirche Hilfe bei der Aufarbeitung braucht, hat die Debatte eine neue Qualität bekommen.

BZ: Hatten Sie die Erwartung, dass sich unter Papst Franziskus etwas ändern würde? Und hat sich diese bewahrheitet?
Katsch: Ich denke schon, dass mit Papst Franziskus eine neue Bereitschaft eingekehrt ist, sich mit Missbrauch auseinanderzusetzen und unbequemen Wahrheiten zuzuhören. Franziskus hat im Dezember zum Beispiel das päpstliche Geheimnis abgeschafft, das war eine langjährige Forderung von Betroffenen aus aller Welt. Was das jetzt konkret bedeutet, das werden wir jetzt erst sehen, wenn es in den einzelnen Diözesen zum Beispiel um die Rechte auf Akteneinsicht geht. Unter Papst Benedikt hatte man eher die These von den Einzeltätern verfolgt. Es hat sich auch das Ausmaß verändert: In der Zwischenzeit sind Fälle aus Lateinamerika bekannt geworden; beim Missbrauchsgipfel im Vatikan 2018 kamen Betroffenenvertreter aus 30 Ländern zusammen. Missbrauch ist ein Problem aller Länder, in denen die katholische Kirche präsent ist.

"Das kostet Kraft und Energie und

behindert einem im Leben natürlich."
BZ: Was hat sich in Deutschland verändert? An der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz folgte auf Erzbischof Robert Zollitsch Kardinal Reinhard Marx.
Katsch: Die Tatsache, dass an der Entschädigungsempfehlung, die von einer Expertengruppe im Auftrag der Bischöfe entwickelt wurde, Betroffene beteiligt waren und diese Empfehlung in der Bischofskonferenz dort präsentiert werden konnte, ist ein Riesensprung nach vorne.

BZ:
Haben Sie die an Ihnen begangenen Taten verdrängen können?
Katsch: Ja, auch wenn das eine erhebliche psychische Belastung war. Das kostet Kraft und Energie und behindert einen im Leben natürlich, macht einen weniger glücklich und zufrieden. Diese Kraft fehlte einem dann zum Beispiel, wenn es um andere Dinge geht wie Studium, Ausbildung oder berufliches Fortkommen. Unsere Eltern und Großeltern ist das nach dem Krieg widerfahren, dieses Verdrängen. Mein Vater verbrachte als Kind in den letzten Kriegsmonaten in Berlin im Keller, während draußen gekämpft und die Stadt bombardiert wurde. Auf Nachfrage hat er jahrzehntelang erzählt, er habe keine Erinnerung daran. Und jetzt, im hohen Alter, kommen auf einmal Erinnerungen wieder, das ist sehr unangenehm für ihn. Andere Menschen berichten Ähnliches – dass sie ihr ganzes Leben ihre Energie darauf verwendet haben, irgendwie nach vorne zu schauen.
"Er hat uns damals die Chance genommen, uns in unseren Zwanzigern oder frühen Dreißigern damit zu beschäftigen und wir therapeutische Hilfe bekommen."

BZ: 2005 haben Sie einen der beiden Täter persönlich wiedergetroffen.
Katsch: Ja, das war einschneidend und tatsächlich, als wäre ein Schleier weggerissen worden.


BZ: Die Kirche hat auch bei Ihren beiden Tätern vertuscht.
Katsch: Der eine, Pater Wolfgang S., hatte die Taten Anfang der 90er-Jahre zugegeben. Strafrechtlich wären diese damals noch nicht alle verjährt gewesen. Aber es gab für ihn keinen Grund für ein Geständnis außer, dass er heiraten wollte in Südamerika. Dort gab es zu dem Zeitpunkt kein weltliches, ziviles Eherecht; die einzige Möglichkeit für ihn, legal zu heiraten, war kirchlich. Damit aber ein Priester kirchlich heiraten kann, muss er vom Vatikan entlassen worden sein. Um dies zu beschleunigen, hat Pater S. ein Geständnis nach Rom geschickt. Er hat sich aber nicht bei der Polizei angezeigt, sondern es nur seinen Vorgesetzten gebeichtet. Und kirchenrechtlich hatte das keine weiteren Konsequenzen für ihn, er wollte ja aus der Kirche entlassen werden.

BZ: Man würde erwarten, dass die Kirche solche Straftaten auch anzeigt.
Katsch: Ja. Wolfgang S. hat uns damals die Chance genommen, uns in unseren Zwanzigern oder frühen Dreißigern damit zu beschäftigen und wir therapeutische Hilfe bekommen. Der andere Täter Peter R. leugnet bis heute oder relativiert, er gibt immer nur das zu, was man ihm ohnehin nachweisen kann. Nur in einem Fall ist er strafrechtlich belangt worden wegen des Missbrauchs eines kleinen Mädchens.

Matthias Katsch: "Damit es aufhört." Verlag NP&I, Berlin 2020, 168 Seiten, 18 Euro. Lesung: Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, 27. Februar, 19 Uhr, im Oleofactum, Hildastr. 4, in Offenburg.
Zur Person

Matthias Katsch, 57, ist in Berlin geboren und aufgewachsen. In den 1970er-Jahren besuchte er das Canisius-Kolleg der Jesuiten in Berlin. 2010 wendete er sich an den damaligen Kollegsleiter Pater Klaus Mertes, mit dem zusammen er den systematischen Missbrauch von Kollegschülern öffentlich machte. Katsch war von 2015 bis 2019 Mitglied im Betroffenrat, dessen Mitglieder sexualisierte Gewalt erlebt haben, und im Beirat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Er ist Geschäftsführer des Vereins "Eckiger Tisch", der die Interessen von Betroffenen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen vertritt, und gehört der Aufarbeitungskommission an, die sexuellen Kindesmissbrauch untersucht. Er arbeitet als Management-Trainer und lebt in Offenburg.