Senior Experts

Warum mehr als 1,4 Millionen Menschen trotz Rente arbeiten gehen

Burkhard Fraune  und Ronny Gert Bürckholdt

Von Burkhard Fraune (dpa) und Ronny Gert Bürckholdt

Di, 20. August 2019 um 08:06 Uhr

Wirtschaft

Fast jeder Dritte arbeitet in den ersten drei Jahren nach Rentenbeginn, vor allem Frauen. Manche wegen des Geldes, andere sind für ihre Arbeitgeber unverzichtbar geworden.

Gelernt ist gelernt: Klaus David hat das Armaturenbrett einer Lok aufgeklappt, Kabel und Kontakte schauen heraus, er prüft die Spannung. Der Elektriker arbeitet an der Beleuchtung. "Bis zu 250 Meter Kabel werden für die LED-Umrüstung einer solchen Lok verwendet", erklärt David im Nürnberger Bahnwerk. Er kennt die Fahrzeuge, arbeitet schon seit 49 Jahren bei der Bahn. Eigentlich ist er im Ruhestand. Doch er macht weiter – so wie immer mehr Rentner in Deutschland.

Jeder Zwölfte verdient sich im Ruhestand etwas hinzu

Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der erwerbstätigen Rentner laut Arbeitsministerium fast verdreifacht: von 530.000 auf 1.450.000 . Jeder Zwölfte verdient sich im Ruhestand etwas hinzu.

Seit Anfang vorigen Jahres ist auch Klaus David Rentner. Doch an ein paar Tagen im Monat geht der 64-Jährige weiter ins Werk, morgens um sechs. 24 Stunden macht er im Monat, rüstet an Fahrzeugen Beleuchtung und Klimaanlagen um, prüft Stromabnehmer. "In erster Linie ist es so, dass ich meine Rente aufstocken wollte", erklärt der gelernte Starkstromelektriker. Da kam es David gelegen, dass der Chef ihn bat, weiterzumachen.



In den ersten drei Jahren nach Rentenbeginn arbeitet fast jeder Dritte

"Senior expert" nennt die Bahn 500 Kollegen, die als Rentner an Bord bleiben. Das Unternehmen will sich ihr Wissen und ihre Erfahrung sichern. Den Fachkräftemangel spürt nicht nur der Staatskonzern. Rentner springen für Bademeister in Freibädern ein, damit diese nicht schließen müssen. Sie tragen Zeitungen aus oder bleiben in ihren alten Jobs. Unter den Menschen mit 450-Euro-Jobs bilden Rentner laut Bundesagentur für Arbeit inzwischen die größte Gruppe.



In den ersten drei Jahren nach Rentenbeginn arbeitet noch fast jeder Dritte – Frauen häufiger als Männer, was auch an den geringeren Renten liegen dürfte, die Frauen in der Regel erhalten. Das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) per Umfrage ermittelt. Das IAB ist das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (BA).

Ruheständler sind begehrt. Gerade hat das Land Berlin 250 Lehrer aus der Pension zurückgeholt, weil sonst Personal fehlt. Auch die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft buhlt um sie. Sie sollen Züge steuern und im Service tätig werden.

Die meisten nennen mehrere Gründe

Die Forscher vom IAB haben die Motive untersucht, warum Rentner einer Erwerbsarbeit nachgehen. Gut die Hälfte der befragten Männer und 70 Prozent der Frauen gaben an, auch finanzielle Motive zu haben. Die meisten Rentner nannten mehrere Gründe – und soziale Motive seien am weitesten verbreitet. Befragt wurden jene, die auch des Geldes wegen weiterarbeiten – und zwar getrennt von den anderen, die angaben, keine finanziellen Motive zu haben. Beide Gruppen gaben zu 92 Prozent an, "den Kontakt zu anderen Menschen zu brauchen". Von den Befragten mit finanziellem Motiv gaben ferner ebenfalls 92 Prozent an, "Spaß an der Arbeit zu haben" und auch 92 Prozent, "weiterhin eine Aufgabe zu brauchen".

"Solange die Gesundheit mitmacht, mache ich das gerne." Bahn-Elektriker David
"Ich kenne viele, die nebenbei einen Job machen", sagt Bahn-Elektriker David. "Solange die Gesundheit mitmacht, mache ich das gerne." Nächsten Monat wird David 65. Auch das bedeutet für ihn noch nicht Schluss mit Arbeiten, das 50. Dienstjubiläum naht. Er denkt daran, dass er nach Erreichen des Renteneintrittsalters unbegrenzt zur Rente hinzuverdienen darf. Mit dem nächsten Jahresvertrag will er seine Stundenzahl aufstocken.

Um Fachkräfte zu sicheren, bildeten Menschen kurz vor oder in der Rente ein "bedeutendes Aktivierungspotenzial", heißt es bei der BA in reichlich technischen Sprache. Was dies konkret bedeutet, zeigen die Fachleute vom IAB per Umfrage. Sie haben Rentner gefragt, ob sie zum Zeitpunkt ihres Renteneintritts gerne länger in ihrem Beruf geblieben wären. Dies bejahten 21 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer. Wie viele Menschen das sind, zeigt sich mit Blick auf alle, die in einem Jahr aus Altersgründe in die Rentenkasse eintreten. Nach aktuellsten Zahlen von 2017 waren das zuletzt eine Dreiviertelmillion gewesen.