Bonneaus Stilfrage

Darf man seine nackten Füße im Café oder Zug auf einen Sitz legen?

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

So, 14. Juli 2019 um 12:45 Uhr

Stilfrage

Der Anblick ungepflegter Füße ist eine Zumutung, findet eine Leserin. Und fragt, wie sie denjenigen dazu bekommt, sich zu benehmen. Unsere Stilkolumnistin hat einen klugen Vorschlag.

Eine BZ-Leserin fragt: Im Zug und in Cafés kann man derzeit beobachten, dass Leute ihre nackten Füße auf den gegenüberliegenden Sitz oder Stuhl legen. Der Anblick von Hornhaut und oft grauslichen Fußnägeln ist eine Zumutung. Personal schreitet nicht ein. Sage ich etwas, bekomme ich die pampige Antwort, man habe ja die Schuhe ausgezogen. Wie kann ich solche Mitmenschen dazu bewegen, sich zu benehmen? Oder macht man das heute so?

Stilkolumnistin Bonneau empfiehlt: Mitleid und Humor

Im Winter beobachtete ich in der Straßenbahn dies: Ein Jugendlicher hatte die Füße auf dem gegenüberliegenden Sitz aufgestützt. Ein Kumpel wollte sich dort hinsetzen und wies den anderen zurecht: "Nimm die Schuhe vom Sitz, du A..." Darauf der: "Mit den Schuhen hast du recht, aber nenn mich bloß nicht nochmal A..." Wir sehen wieder einmal: Die Form einer Aussage toppt deren Inhalt. Wir können außerdem auf den Winter hoffen und die glücklicherweise verbreitete Einsicht, dass Schuhe auf Sitzen nichts verloren haben.

Sie schreiben nicht, dass Sie den jeweils belegten Sitz für sich beanspruchen wollten. Da Sie sich schon beim Anblick ungepflegter Füße an sich ekeln, hatten Sie das wohl auch gar nicht vor. Ihnen geht es um mehr: Der – selbst saubere – Fuß gehört auf den Boden. Stimmt.

Solange Sie sich aber nicht an einem Ort aufhalten, an dem Sie Regeln durchsetzen können – in Ihrer Wohnung oder Ihrem Büro –, haben Sie keine Handhabe gegen fremde Füße, die keinen messbaren Schaden anrichten. Jeder Hinweis auf schlechtes Benehmen wird von Erwachsenen als übergriffig zurückgewiesen. Wie auch die gut gemeinte Empfehlung für eine Pediküre nicht auf Gegenliebe stoßen würde.

Was können Sie tun? Vielleicht Mitleid haben mit Menschen, die es sich selbst nicht wert sind, sich in Form zu bringen und sich angenehm zu verhalten. Oder sich in den Humor retten und fragen: "Sind Sie sicher, dass dieser Sitz sauber genug ist für Ihre Füße?"
Elisabeth Bonneau ist Kommunikationstrainerin und lebt in Freiburg.