Wie einer Obst kauft

MARKTGEFLÜSTER: Studien am Erdbeerstand

Sabine Ehrentreich

Von Sabine Ehrentreich

Do, 23. Mai 2019

Marktgeflüster

Es gibt Kunden, die nehmen am Erdbeerstand die erste Pappschale, die ihnen in die Hände fällt, und stellen sie zum Zahlen auf den Tresen. Andere mustern mit Kennerblick, aber berührungslos, was sich da vor ihnen ausbreitet, und greifen zur – oberflächlich – verheißungsvollsten Schale. Und dann gibt’s noch die, die nicht nur umschichten, sondern auch häufeln, wenn gerade niemand aufpasst. Also die blassen oder leise angeschlagenen Früchte gegen die ausgereiften, makellosen tauschen. Und in die Schale packen, was nur irgend geht – wird schon keiner nachwiegen. An derlei Ständen lassen sich Charakterstudien treiben, bestimmt hat die Wissenschaft längst alles Wesentliche zum Thema gesagt. Etwa so: Wer beherzt in die Früchte greift, um sich die besten rauszufingern, ist auch sonst kein Mensch, der zu übertriebener Rücksicht neigt. Wer unbesehen die erstbeste Schachtel nimmt, darf entweder zumindest beim Lebensmittelkauf als ahnungs- und kritiklos gelten oder gehört zum hektischen Typ. Die mittlere Gruppe verhält sich in jeder Hinsicht angemessen, ist aber auch sonst eher blass. Mit solchen Gedanken vergeht die Wartezeit an der Kasse des Erdbeerstands wie im Flug. Zumindest dafür sind sie gut.