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Niklas Arneggers Wochenschau: Kuppelvorgänge und so

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Sa, 11. Januar 2020 um 15:45 Uhr

Kolumnen (Sonstige)

Für die Bahn war es eine große Überraschung, dass die Breisgau-S-Bahn so gut ankommt. Unfassbar, da schafft man neue Zugverbindungen – und die Leute wollen sie sogar nutzen!

Nicht nur die Rechenkünstler bei der Bahn konnten damit nicht rechnen, sondern auch sonst kein Mensch: Dass es ein "hohes Fahrgastaufkommen" bei der Breisgau-S-Bahn gibt. Unfassbar: Da schafft man neue Zugverbindungen, und dann wollen/müssen die Leute sie tatsächlich benutzen. Die wollen teilweise richtig rein in die Züge. Oder raus. Wie das mal wieder dauert! Und: Wer hätte das gedacht! Die Leute brauchen immer wieder, wie die Bahn entgeistert mitteilt, länger als der Fahrplan erlaubt. Teilweise vorsätzlich. Manche kommen sogar mit dem Rollator oder gar mit Kinderwagen, damit es länger dauert.

Da kannst du natürlich nix machen, da stehst du als Manager nur noch fassungslos daneben. Dazu kommen "Verzögerungen bei Kuppelvorgängen von Zugteilen". Waltet hier ein Bruch in der Logik? Denn wenn es schon zu Verzögerungen durch ein hohes Fahrgastaufkommen kommt, könnte man dann nicht diese fahrplanwidrigen Unterbrechungen zu Kuppelvorgängen von Zugteilen nutzen? Hm? Nein, kann man nicht. Denn die Kuppelvorgänge von Zugteilen sind nicht an den Haltepunkten mit hohem Fahrgastaufkommen vorgesehen, sondern irgendwo dazwischen. Frei nach Ringelnatz: So kuppelten sie vergebens; das ist die Tragik des Lebens.

Hoch lebe das Behördendeutsch!

Übrigens, ganz nebenbei, bin ich froh und dankbar, dass bei der Bahn das alte Behördendeutsch gepflegt wird, leibt und lebt: "Hohes Fahrgastaufkommen", "Kuppelvorgänge" und so. Mein Lieblingssatz aber bleibt: "Es bestehen Übergangsmöglichkeiten Richtung Elzach." Die Bahn könnte ja auch sagen: In Freiburg können sie in Richtung Elzach umsteigen. Aber he! Das wäre zu einfach. Auch machen die das, wie wir vermuten, um ausländischen Reisenden und Migranten beim Erlernen der deutschen Sprache behilflich zu sein.

Jedenfalls ist, wer die "Übergangsmöglichkeiten" sprachlich verinnerlicht hat, nicht nur in unsere christlich-abendländische Gesellschaft integriert, sondern sogar vollinhaltlich assimiliert. Weitere Lieblingsvokabeln: Durchmesserlinie, Durchbindung, Flügelkonzept. Und wenn wir schon dabei sind: Vorzüglich auch der Service, dass uns in den Zügen als Fahrtziel Freiburg/Brsg. oder Neustadt/Schw. angezeigt wird. Damit man in Littenweiler nicht glaubt, der Zug führe vielleicht nach Freyburg an der Unstrut oder nach Neustadt an der Aisch. Auch dafür: Danke.

Dem Anglizismus das Tor öffnen

Bei der Bahn also geistern noch die Gespenster der alten Bundesrepublik, wenn nicht der Reichsbahn, herum. Dem EHC ist dies nicht vorzuwerfen. Mitten im Spiel gibt es beim Eishockey jetzt Werbeunterbrechungen. Die dürfen aber so nicht heißen. Sondern die heißen Powerbreaks. Wahrscheinlich, weil da künftig geworben werden soll, bis die Power bricht. Oder weil die Breaks die Power des Spiels brechen sollen. Oder was. Vorbildlich, wie hier dem Anglizismus und damit auch dem Kapitalismus das Eishockeytor sperrangelweit geöffnet wird.

Herrlich auch, dass es mit dem WLAN in den Straßenbahnen nicht so recht klappt. Vorne und hinten in den Bahnen knistert und knastert es. Vorteil: Wenigstens dort herrscht ein kleines bisschen Frieden.