UNTERM STRICH: Der Frühling im Topf

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Sa, 08. Februar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Wenn frisches Obst und Gemüse rar sind, wird der Mensch gewissenlos /Von Katja Bauer.

Zu den ungeschriebenen Gesetzen der modernen Küche gehört es, saisonal und regional zu kochen. Alle sind dafür, erstens weil Lebensmittel, die nicht unreif in Schiffsbäuchen um die halbe Welt gefahren werden, besser schmecken, zweitens, weil man sonst irgendwann grunzt wie eine fette Klimasau. Ich bin meistens auch dafür. Außer im Februar.

Nicht nur, weil in Berlin, wo ich lebe, sich die wirklich regionalen Lebensmittel zu diesem Zeitpunkt auf verschiedene Kohlarten, aufgetautes Erbspüree, geschmacklose Kräuter aus vertikalen Indoorgärten und Currywurst vom Havelschwein beschränken. Sondern vor allem deshalb, weil sich das Leben um diese Zeit im Jahr (anders als gerade in Südbaden) schon mindestens seit zwölf Wochen in einer Welt der Grauschattierungen abspielt. Häuser grau, Trottoirs grau, Gesichter grau, Herzen anthrazit. Der Himmel hängt an vielen Tagen so tief, dass er die Kugel des Fernsehturms verhüllt, oft sitzt man den ganzen Tag im Kunstlicht. Mit Gänsehälften und Klößen muss man sich lang über Weihnachten hinaus auf allen möglichen Speisekarten beschäftigen. Spätestens wenn der Januar hinter uns liegt, in dem es um vier stockdunkel ist, muss der Frühling kommen.

Aber die Küche ist ja ein magischer Ort. Und deshalb kann man hier auch Jahreszeiten herzaubern. Mit ein bisschen Imaginationskraft – und den bei zugedrücktem Auge einigermaßen richtigen Zutaten – funktioniert das. Als Kinder haben wir uns schließlich auch aus Leintüchern, Wäscheständern und alten Pappkartons Paläste mit Erkern und Türmchen gebaut.

Gewissenlos kaufe und brate ich also Pulpo aus dem Atlantik, karamellisiere die Minispargel aus der Monsterverpackung, lege Flugpapaya aus Brasilien in den Salat und mache eine Tarte aus Amalfizitronen. Die Artischocken sind zwar von der weiten Reise so erschöpft, dass man sie vor dem Frittieren bis fast auf den Grund entblättern muss, aber was soll’s? Am Ende schimmern sie golden wie ein Sommerabend.