UNTERM STRICH: Unter viele Brillen geraten

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Di, 07. Januar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Wie der FC Bayern München in Taiwan kurzzeitig Freude auslöste / Von Otto Schnekenburger.

"Unter viele Brillen geraten lassen", so übersetzt Google, hat der FC Bayern München laut taiwanischen Medien China. "Unter viele Brillen geraten" meint "überrascht und schockiert werden". Von Aufgeregtheit in Fernost hätte man sich in München nicht träumen lassen, als der Verein zum Jahreswechsel via Facebook Dank in alle Welt schickte, versehen mit den Nationalflaggen der Staaten. In alle Welt? Nun, zumindest nach Taiwan, wo die Grüße aus dem fernen Deutschland auf Begeisterung stießen, kann so ein Gruß von einem "Weltverein" doch als mutiges politisches Zeichen (miss-)verstanden werden. Der Inselstaat ist weltweit nur von 14 Staaten und dem heiligen Stuhl offiziell anerkannt. Tausende taiwanische Fans bedankten sich gleich bei den Bayern. In den sozialen Medien der jungen, aber lebendigen Demokratie entwickelten die Grüße rasant ein Eigenleben, harsche Gegenreaktionen von in Taiwan lebenden Chinesen inbegriffen.

Ziemlich schnell war die Flagge, die die Taiwaner wegen der Rücksichtnahme auf chinesische Befindlichkeiten nicht einmal bei den Olympischen Spielen hissen dürfen, wieder von der Bayern-Homepage verschwunden. Es war der ohne politische Absicht geschehene Fehler eines Mitarbeiters, ist von der Mediendirektion des FC Bayern zu erfahren. Nachdem dem Verein klar wurde, wie heikel der Fall ist, hat er den Flaggendank nach Taiwan gelöscht. Dies sei nicht wegen Druck aus China geschehen, sondern nach der Richtlinie, dass der FC Bayern nur Symbole von Staaten verwendet, mit denen die Bundesregierung diplomatische Beziehungen pflegt. Die Sensibilität, auch das ist dem langen Gespräch mit der Mediendirektion zu entnehmen, ist groß. Die heftige chinesische Reaktion, die dem FC Arsenal wegen der Äußerungen seines Spielers Mesut Özil zu den Uiguren widerfuhr, ist da wohl in unguter Erinnerung. In Chinas Bevölkerung blieben Reaktionen derweil aus. Kein Wunder, darf die doch Facebook gar nicht lesen.