Meister der Klangverschmelzung und zugleich unabhängige Solisten

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Di, 23. Juli 2019

St. Blasien

Der schwedische Chor "Vo No" besticht bei seinem Domkonzert in St. Blasien mit seiner außergewöhnlichen Sensibilität der Interpretationen.

ST. BLASIEN. Wie ein Mann stand das Publikum in Sekundenschnelle im St. Blasier Dom, um den zwölf Sängerinnen und Sängern des schwedischen Chors "Vo No" unter der Leitung von Lone Larsen seine Referenz für das soeben Gehörte zu erweisen. "Vo No", früher bekannt als "Voces Nordicae", hatte unter dem Titel "Life in Permanent Change" ein überwältigendes Gesamtkunstwerk inszeniert, zusammengesetzt ausnahmslos aus Werken von Komponisten und Liedermachern des 20. Jahrhunderts aus Skandinavien und dem Baltikum.

"Vo No" ist stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Dabei versteht es der Chor auf geniale Weise, mit der speziellen Akustik des Doms zu spielen, bezieht auch szenische Momente in seine Performance mit ein, Interpretation und Improvisation vermischen sich zu einem kontinuierlichen Ganzen, wobei der Ausdruck Programm ist. Die Textausdeutung hat in dieser Musik einen ganz hohen Stellenwert, aber ebenso wichtig ist darin das Atmosphärische.

So erklingt zu Beginn die verschnörkelte Kantilene einer Klarinette aus den halligen Weiten der Rotunde, immer wieder kurz inne haltend und sich selbst nachhorchend. Wie aus dem Nichts tritt vorne rechts und links je eine Frauenstimme hinzu, verschmilzt förmlich mit dem Klang der Klarinette. Männerstimmen grundieren den Gesang der solistischen Frauenstimmen, eine ahmt quasi den sonoren Sound eines Didgeridoos nach, hebt die Melodie damit umso deutlicher hervor.

Überhaupt sind die Mitglieder dieses Chores Meister der Klangverschmelzung und zugleich unabhängige Solisten, jeder Sänger, jede Sängerin für sich. Wie aufblitzende Lichtpunkte streuen sie vereinzelte Einwürfe ein und bringen damit eine kolossale Lebendigkeit hervor. Eindrücklich manifestiert sich die Variationsbreite der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Chores von der Fortissimo-Klanggewalt des Tutti bis zur subtilsten Untermalung einzelner Stimmen in The Way Children Sleep" des lettischen Komponisten Ugis Praulins. Auf der einen Seite steht hier der insistierende, immer dichter werdende Aufruf "look in the night", von der Intensität des wiederholten "Children sleep" sogar noch übertroffen. In absoluter Meisterschaft dynamischer Artikulation wird dieses "Children sleep" vom Fortissimo abrupt zum hauchzarten Pianissimo, um dem größtmöglichen Kontrast in Form einer sanft grundierten einzelnen hohen Männerstimme Platz zu machen. Von tonlosem Flüstern schwillt der Chor erneut zum Fortissimo an, um am Ende weich auszuklingen.

In Tina Anderssons "The Angel" exponiert sich jedes Chormitglied mit ganz eigener Dynamik, Alfred Jansons "Sonnet 76" beginnt als Monolog mit kommentierenden Einsprengseln, die sich verselbständigen, vom Klangtupfer zum Aufschrei werden, wieder abebben, um einen geradezu perkussiven Charakter mit ausgeprägt rhythmischer Qualität zu bekommen. Die folgende Improvisation kombiniert Atmen, Klappergeräusche der Notenmappen und Fingerschnalzen mit Zurufen und der Interaktion in der gesamten Rotunde, ein Echo-Experiment quasi. Wiederum nahtlos schließt sich Karin Höghielms "Earth Call" an, ein Mahnruf, endlich aufzuwachen und die Erde zu retten, gefolgt von dem aggressiv auftretenden Abbild der zerstörerischen Welt in "The New Moon" von Eriks Esenvalds. Als Zitat ist darin Monteverdis melancholische Klage "Lasciatemi morire" eingewoben, aber auch der Hoffnungsschimmer des jungfräulich erwachenden Mondes in Gestalt einer sphärisch anmutenden hohen Stimme über weicher Grundierung. Mit lateinischem Text schließlich erklingt Ola Gjellos "Northern Lights", die Vertonung eines Textes aus dem Hohelied Salomos, mit der wiederkehrenden Versicherung "pulchra es" ("schön bist du").

Programmatisch für das ganze Konzert steht am Ende "Att se" ("Sehen"), die Komposition von Chormitglied Martin Asander, deren erste Verse auf Deutsch vorab rezitiert werden. Sie enthalten die Aufforderung, einen Lebensweg zu wählen, bei dem man den Anderen sieht, in der Ausführung unterstrichen durch kleine Gesten paarweiser Berührungen. Diese Aufforderung zur Achtsamkeit sich selbst, seinem Nächsten, aber auch der uns umgebenden Welt gegenüber kommt im gesamten Programm von "Vo No" zum Ausdruck, und sie spiegelt sich zugleich in der außergewöhnlichen Sensibilität der Interpretationen dieses Ausnahmechores.