300 Plakate überall in Freiburg

"Melde dich" – der SC Freiburg unterstützt den Kampf gegen sexuellen Missbrauch

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Di, 07. Juli 2020 um 09:14 Uhr

SC Freiburg

Mit Unterstützung des SC Freiburg und des Landes Baden-Württemberg soll eine Kampagne Kinder ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Es ist eine bemerkenswerte Initiative.

Fachleute fürchten, dass sexueller Missbrauch von Kindern seit Beginn der Corona-Pandemie sogar noch häufiger vorkommen könnte als ohnehin schon. Die Beratungsstelle Wendepunkt e.V. und der Verein "Wir helfen Kindern" starteten daher in Freiburg die Plakat- und Aufklärungsaktion "Melde dich". Kinder sollen ermutigt werden, sich Hilfe zu holen. Kernaussage auf den Plakaten: "Niemand darf dich anfassen, wenn du es nicht willst!" Die Vereine werden unterstützt vom Land Baden-Württemberg und vom Fußball-Erstligisten SC Freiburg.

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist ein Thema von hoher Aktualität. Der Fall des Fußballtrainers im Freiburger Raum, die Aufdeckung ganzer Netzwerke für Pädophilie im Internet: Die Schlagzeilen darüber könnten den Eindruck erwecken, Polizei und Staatsanwaltschaft erzielten einen Aufklärungserfolg nach dem anderen.

Nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs?

Die jüngst bekannt gewordenen Fälle seien aber nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs, glaubt Nils Vogelsang, Geschäftsführer der Beratungsstelle Wendepunkt in Freiburg. "Die wenigsten Fälle werden überhaupt bekannt." Nach wie vor sei die Gesellschaft nicht aufmerksam genug, nach wie vor werde Kindern und Jugendlichen zu selten geglaubt.

"Wir brauchen eine Kultur des Hinschauens und Hinhörens", sagt Vogelsang. Rund die Hälfte der bekannten Fälle ereigne sich in der eigenen Familie oder in der Verwandtschaft. Für Kinder sei es schon "unter normalen Umständen fast unmöglich, sich Hilfe zu holen". Ein Kind werde immer Angst haben, "dass das Familiensystem zerbricht und alles nur noch schlimmer wird".

Zwei Millionen Euro vom Land für Beratungsstellen

Die Corona-Krise habe diese Situation aber noch einmal verschärft. Während des Shutdowns mussten die Kinder daheim bleiben, Schulen und Kindertagesstätten waren monatelang geschlossen: "Sämtliche Bezugspersonen außerhalb der Familie sind weggebrochen." Zusammen mit dem Verein "Wir helfen Kindern", einer Initiative des Unternehmers Alexander Bürkle, überlegte sich Wendepunkt daher, wie Kinder in dieser schwierigen Situation überhaupt erreichbar seien – und wie sie ermutigt werden könnten, sich an Ansprechpartner zu wenden.

Drei Monate lang hängen nun überall in Freiburg Plakate, die sich direkt an die Kinder wenden und es ihnen leichter machen sollen, sich Hilfe zu suchen und bei der Beratungsstelle anzurufen. Außerdem wurden in der vergangenen Woche Plakate, Aufkleber und Flyer an Freiburger Grundschulen versandt.

"Wir haben selbst vier kleine Kinder." SC-Profi Nicolas Höfler
Dass die Initiative der beiden Freiburger Vereine im Rahmen einer großen Pressekonferenz vorgestellt wurde, hat viel mit ihren prominenten Förderern zu tun. Nicolas Höfler, Fußballer des Erstligisten SC Freiburg, unterstützt das Projekt und ist auf jedem Plakat zu sehen. Er hat darüber hinaus ein Youtube-Video drehen lassen. "Wir haben selbst vier kleine Kinder", sagt Höfler. "Sie wachsen wohlbehütet auf, so wie auch meine Frau und ich wohlbehütet aufgewachsen sind."



12 .750 Euro für Aufklärungsarbeit an Schulen

Der SC selbst spendete darüber hinaus 12 750 Euro an Wendepunkt – den Betrag, den Partner und Fans im Rahmen der Weihnachtsaktion 2019 sammelten. Das Geld soll dem Präventionsprojekt "Hau ab Du Angst" zugute kommen. Dabei besuchen Fachleute von Wendepunkt Grundschulen und sprechen mit Kindern. Hanno Franke, Leiter Marketing und Gesellschaftliches Engagement beim Sport-Club, spricht von einer "furchtbaren Situation", die im Frühjahr entstanden sei, als vielen Kindern die Unterstützer außerhalb der Familie fehlten. "Mit unserer Spende unterstützen wir Wendepunkt ganz bewusst."

Einen großen Teil der Kosten für die Aktion "Melde dich" trägt das Land Baden-Württemberg. "Wir haben sehr schnell einen Sonderfonds über zwei Millionen Euro aufgelegt, um während der Pandemie die Beratungsstellen zu stärken", sagt Bärbl Mielich, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales und Integration. Die notwendigen sozialen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie erhöhten "das Risiko für Gewalt und Missbrauch in der Familie", so Mielich. Die Plakataktion sei ein gelungenes Beispiel dafür, wie Beratungsstellen auf diese Herausforderungen reagieren können.

Wann und wo die Gefahr besonders hoch ist, dass Kinder auch in anderen Bereichen der Gesellschaft sexuell missbraucht werden, wird unter Fachleuten intensiv diskutiert. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Risiko im Sport sogar noch größer sein könnte als in den Kirchen. An diesem Dienstag wird in Freiburg das Urteil über den Fußballtrainer gesprochen.

Youtube-Video mit Nicolas Höfler auf http://mehr.bz/hoeflersc