BZ-Gastbeitrag

Mit 50-plus den Job wechseln

Andreas Seltmann

Von Andreas Seltmann

Sa, 25. Juli 2020 um 00:00 Uhr

Beruf & Karriere

Auch wer die 50er-Marke hinter sich hat, ist für den Arbeitsmarkt noch interessant. Ein Plädoyer für die Wertschätzung der Lebens- und Berufserfahrung älterer Mitarbeiter

Mitarbeiter in deutschen Unternehmen arbeiten immer länger. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist in den vergangenen Jahren die Altersgrenze bei Renteneintritt in Deutschland auf 65 Jahre gestiegen, Tendenz steigend. Dabei wechseln ältere Frauen den Arbeitgeber seltener als Männer. Die Region spielt keine Rolle.

Auch in Zeiten, in denen der demografische Wandel omnipräsent in den Unternehmen zu spüren ist, wird das Älterwerden im Beruf immer noch als Makel und nicht als Chance gesehen. Ältere Arbeitnehmer werden gern mit defizitorientierten Attributen wie verminderte Leistungsfähigkeit, langsame Auffassungsgabe oder mangelndes Engagement versehen. Eine berufliche Veränderung mit 50-plus ist gar oft ein Tabuthema.

Völlig zu Unrecht, ist 50-plus doch das neue 40. Die Riege der 50-Plusser ist groß. Und es ist die Generation, die sich Dinge erarbeitet und sich etwas aufgebaut hat. Es sind Macher, Engagierte, Experten; und es sind viele. Motiviert und mit Tatendrang wollen sie auch mit 50-plus Neues schaffen und ihre langjährige Lebenserfahrung weitergeben. Jeder Arbeitgeber wäre mit Dummheit geschlagen, würde er dieses Potential nicht aktivieren oder gar gehen lassen. Auch in Rahmen des Employer Branding sind Arbeitgeber gut beraten, sich mit diesem Thema zu positionieren und sich damit ernsthaft von anderen Unternehmen abzuheben. Mehr denn je lebt die Arbeitgebermarke von der Vielfalt der Menschen im Unternehmen und damit vom Miteinander mit der Generation 50-plus.

Für Mitarbeiter in diesem Berufsabschnitt ist die Phase oft geprägt von weitgehender Unabhängigkeit, viel Lebenserfahrung und von relativ stabiler Gesundheit. Richtig eingesetzt ist das die Basis, kraftvoll unternehmerisch wirksam zu sein. Falsch eingesetzt ist es der Vorplatz, um demotiviert nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen und krank zu werden. Zwar will vielleicht mancher so schnell wie möglich in den Ruhestand und sich weniger anstrengen, aber sehr viele wollen eben auch einen wertvollen Beitrag in ihrem beruflichen Umfeld leisten.

Wie jede Berufsphase hat auch 50-plus ihre eigenen Themen und Herausforderungen. Wichtig ist, dass diese Themen auch oder gerade in dieser besonderen letzten Berufsphase einen Raum bekommen. Mitarbeitergespräche bekommen eine neue Komponente hinzu, das gemeinsame Gestalten des Hinauswachsens. Mitarbeiter wie Unternehmen sollten sich intensiv dazu Gedanken machen, wie sie diese Phasen aktiv für sich nutzbar machen können und wie sie diese gestalten wollen. Wichtig dabei ist zu wissen, dass diese Phase ein Lebensabschnitt der Neuorientierung und der Abschlüsse ist. Es gilt, gemeinsam die Kompetenzen, Erwartungen und Wünsche zu betrachten und mit den Möglichkeiten und Chancen abzugleichen. Wissen muss gesichert und Erfahrungen müssen nach vorne hin gewinnbringend eingesetzt und Perspektiven gefunden werden. Liegt dies alles vor und gelangt man zu einem Konsens, kann man mit 50-plus noch eine Veränderung innerhalb des Unternehmens vollziehen.

Neuorientierung kann aber auch bedeuten, mit 50-plus noch einmal den Arbeitgeber zu wechseln oder sich selbstständig zu machen. Denn Erfahrung und Expertenwissen haben Menschen in diesem Alter genug, um als Senior Experte begehrt zu sein. Sicherlich ist dieser Schritt gut zu überlegen, aber das ist er immer, egal, ob mit 30, 40 oder 50 Jahren.

Vor dem Schritt raus gibt es einiges mit sich selbst, mit dem Partner, der Familie und mit dem Unternehmen zu klären. Klärung ist dabei der erste und wichtigste Schritt überhaupt. Es ist der Schritt zum eigenen Standpunkt, zur eigenen Haltung und zur eigenen Zukunft. Es ist die Entscheidung, was man in seinem letzten Berufsabschnitt noch leisten will und kann und was nicht. Ist diese Klarheit erlangt, herrscht eine neue Energie und eine kraftvolle Motivation. Nun gilt es nur noch festzulegen und zu vereinbaren, wie die konkreten nächsten Schritte auf dem Weg zum Ziel aussehen.


Zur Person

Über das Produktmanagement wurde der Diplom-Ingenieur Andreas Seltmann zum Vertriebs- und Marketingexperten und Mitglied der Geschäftsleitung bei Hekatron. Zahlreiche Auszeichnungen für Hekatron gehen auf die Arbeit Seltmanns zurück. Seit diesem Jahr begleitet er als Berater das Employer Branding und Personalmarketing von Unternehmen.