Reisesehnsucht

Mit diesen Bildbänden holen Sie sich die Welt ins Wohnzimmer

Ronja Vattes & Ulrike Ott

Von Ronja Vattes & Ulrike Ott

Sa, 12. Dezember 2020 um 00:15 Uhr

Reise

Die Zeit überbrücken, bis das Reisen endlich wieder möglich ist: Vier ausgewählte Bildbände, die uns die Schönheit der Welt ins Wohnzimmer holen

Endlich wieder rauskommen, unbeschwert reisen, sich in neue Abenteuer stürzen und sich überraschen lassen. All das ist momentan zwar im richtigen Leben nicht möglich – dafür aber beim Blättern durch diese, von uns ausgewählten Bildbände, die sich vielleicht auch als Weihnachtsgeschenke für Reisesehnsüchtige eignen.

Die Weite mit der Seele suchen: Nordwärts

Von Ronja Vattes
Rentiere, die durch watteweichen Pulverschnee galoppieren. Ein tosender Wasserfall, der im Sonnenlicht wie ein Leuchtvorhang vom Himmel fällt und sich auf moosbedeckte Felsen ergießt. Ein pastellfarbener Himmel, der sich über einen winterkalten Fjord spannt. Bunt tanzende Polarlichter über schneebedeckten Felsen. Das alles sind Bilder, die uns in den Norden Europas entführen – und sich am besten genießen lassen, während man es sich in eine Decke eingekuschelt auf dem Sofa gemütlich macht, eine heiße Tasse Tee trinkt und ein paar Schokolebkuchen knabbert. "Nordwärts" heißt der Bildband von Daniel Ernst, der sich auf der Suche nach Weite und Stille aufgemacht hat in die schönsten Gegenden Skandinaviens, Islands, auf die Lofoten und die Faröer Inseln. Für seine Reisen hat er im Jahr zuvor zusammen mit seiner Partnerin den ersten gemeinsam Van, im Buch liebevoll "Wilma" genannt, aus- und umgebaut. Innen mit Nut-und-Feder-Brettern ausgestattet, wirkt er wie eine urige, kuschelige Berghütte auf vier Rädern. Die Bilder sind im auf Instagram häufig anzutreffenden Retro-Look bearbeitet und entfalten ihre Faszination durch genau dieses Stilmittel. Drohnen-Bilder zeigen die Schönheit der nordischen Landschaften und verdeutlichen, wie einsam die beiden unterwegs waren, wenn der Van auf einer Lichtung umgeben von einem riesigen Waldmeer zu sehen ist. Das wirkt alles verdammt harmonisch und idyllisch, selbst dann, wenn die zwei in Finnland bei eisigen Temperaturen im harschen Schnee zelten. Ein Heile-Welt-Szenario, das man ein bisschen kitschig finden kann – oder aber als wohltuenden Balsam für die vom Corona-Grau gebeutelte Alltagsseele empfinden darf.

Daniel Ernst: Nordwärts – Auf der Suche nach Weite und Stille, Verlag Dumont, 256 Seiten, 39,90 Euro

Von oben herab und doch ganz nah: Europabilder

Von Ronja Vattes
Frei wie ein Vogel möchte so manch einer gerne mal sein. Wer nicht gerade als Pilot arbeitet oder mit dem Drachengleiter unterwegs ist, wird nur selten die Gelegenheit haben, die Welt aus der Vogelperspektive zu sehen. Heutzutage ist das mit Hilfe von spektakulären Drohnenbildern möglich geworden. "Außergewöhnliche Ansichten" verspricht der Band "Europabilder" aus der GEO-Reihe des Verlags Frederking & Thaler. Und er hält sein Versprechen: Wer die Seiten durchblättert, gleitet über die stille Strandeinsamkeit der kurischen Nehrung zwischen Litauen und Russland, staunt über die bizarre Einsamkeit des von Vulkanismus geprägten Südens von Island, schwebt in schwindelerregender Höhe über den wohl berühmtesten Fußballplatz Europas auf Henningsvaer, einer Insel der Lofoten – und erfährt Wissenswertes über Inguschetien, das Land der wehrhaften Türme. Die Luftaufnahmen sind teils preisgekrönt und wunderschön. Vor allem aber sind sie abwechslungsreich und zeigen Strukturen, die aus der normalen Perspektive des mit beiden Beinen auf der Erde stehenden Homo Sapiens sonst nicht so sichtbar werden: Breite Straßen, die vom Zentrum, dem Triumphbogen in Paris, in alle Richtungen streben wie die Strahlen einer Sonne. Oder die Anmut der strengen Geometrie des Plaza Mayor, dem Hauptplatz im Zentrum Madrids.

Solange wir noch wie selbstverständlich reisen konnten, hätte dieses Buch – zu unrecht – vielleicht nicht ganz so viel Beachtung erfahren. Jetzt aber ist es eine wahre Freude, sich in die fantastischen Bilder der russischen Fotografengruppe Air-Pano zu vertiefen und mehr über die bekannten und unbekannten Ecken dieses unglaublich vielfältigen Europas zu erfahren.

Europabilder – außergewöhnliche Ansichten, Air-Pano, Verlag Frederking & Thaler, 192 Seiten, 39,99 Euro

Ein Gefühl von Freiheit: Traumstrassen weltweit

Von Ulrike Ott
Straßen sind mal kurz, dann wieder länger. Sie führen über Berge und durch Täler, manchmal über Brücken oder durch Tunnel, und sie verbinden Orte und Regionen miteinander. Manche wecken die Sehnsucht nach Fahrtwind, den man sich um den Kopf wehen lässt. Letzteres ist dann der Fall, wenn es sich um sogenannte Traumstraßen handelt. Das sind allesamt Strecken, die legendäre Roadtrips versprechen und verstreut auf allen Kontinenten zu finden sind. Die Route 66 in den Vereinigten Staaten ist eine davon. Und das nicht erst seit dem gleichnamigen Song von Bobby Troup (...Get Your Kicks On Route 66...), der wahrscheinlich schon deshalb hundertfach gecovert wurde, weil die Strecke von Ost nach West den Traum vieler Generationen verkörpert. Es ist von vorneherein klar, dass die Route 66 in dem recht neuen "Atlas der Reiselust – Traumstraßen der Welt", zu finden ist. Aber auch 39 weitere, nicht minder attraktive Panoramastraßen, werden in dem dicken Wälzer vorgestellt.

Populäre wie die Great Ocean Road in Australien, die Garden Route in Südafrika oder die Carretera Austral in Chile. Dazu weniger bekannte wie der Slea Head Drive in Irland oder kleinere Abschnitte an der Côte D’Azur. Auf 312 Seiten werden die Traumrouten mit ihren bekanntesten Sehenswürdigkeiten, aber auch mit unbekannten Orten auf der jeweiligen Strecke präsentiert. In dem Atlas lässt sich mit dem Finger auf Karten reisen, und er ist liebevoll illustriert. Neben den großformatigen Bildern zur Inspiration gibt es zu Beginn jeder Route eine Übersicht der Strecke mit praktischen Reisetipps zur Lage, der Gesamtlänge, der ungefähren Dauer und den absoluten Hinguckern unterwegs. Zusätzlich finden sich Infokästchen zur Reiseplanung, zur Anreise, zu Autovermietungen, zu Hotels und Restaurants. Witzig ist das Extra zu vielen Routen: ein Playlist-Vorschlag bestehend aus vier Titeln, um sich auch unterwegs mit der passenden Musik berieseln zu lassen. Bleibt nur noch die Frage, welche der Routen zuerst angesteuert werden soll. Ein Buch zum Schmökern und Wegträumen in eine Zeit, in der das Reisen wieder möglich ist.

Atlas der Reiselust: Traumstraßen weltweit – Inspiration für ein ganzes Leben, Verlag Dumont, 312 Seiten, 39,90 Euro

Bedrohte Schönheit: Alpengletscher

Von Ronja Vattes
Von ewigem Eis kann leider schon lange nicht mehr die Rede sein. Zahllose Gletscher weltweit sind bereits verschwunden und auch der Rest ist dem Tode geweiht, wenn wir die Klimakatastrophe nicht sofort bremsen. Dabei sind Gletscher nicht nur von bizarrer, glitzernder Schönheit, sie haben auch eine wichtige Funktion: Sie sind der Wasserspeicher für viele Regionen, nicht nur in den Alpen – und sie halten stabil, was ohne sie abzustürzen, einzufallen und auseinanderzubrechen droht.

Am einst majestätischen Aletschgletscher in der Schweiz sind die Folgen des Abschmelzens schon heute sichtbar: Immer wieder kommt es zu starken Hangbewegungen und tiefen Rissen rund um Bettmer- und Fiescher Alp. Der weiße Riese hat sich seit den 1950er Jahren bereits mehrere Kilometer zurückgezogen, wird immer dünner und grauer.

Umso wichtiger ist es, die Schönheit dieser von uns Menschen bedrohten, zerbrechlichen Welt aus Schnee und Eis festzuhalten. Das ist Andrea Fischer und Bernd Ritschel in ihrer Hommage unter dem Titel "Alpengletscher" gelungen. Fast unwirklich transparent-türkisblau schimmert das Eis des Hornkees in den Zillertaler Alpen, tief zerfurcht das Antlitz des Teischnitzkees im Abendlicht in den Hohen Tauern. Und die Bilder fangen ein, wie schrecklich schön sich der Zersetzungsprozess auswirken kann: Einem modernen Kunstgemälde gleichen die Schlangenlinien, die immense Schmelzwassermengen in den vergangenen Jahrzehnten mäandernd in das Eis des Gornergletschers in den Walliser Alpen gegraben haben.

Die immer wieder eingestreuten Texte sind kurze Erzählungen zu den Bergtouren hinter den Bildern, manchmal auch philosophische Betrachtungen oder ein Gedicht, immer aber eine Liebeserklärung an das wunschlose Glück, in den Bergen unterwegs zu sein.

Andrea Fischer, Bernd Ritschel: Alpengletscher – eine Hommage, Tyrolia Verlag, 256 Seiten, 39 Euro