Streaming-Konzert aus New York

Mit Dua Lipa durchs Wohnzimmer tanzen

Dagmar Leischow

Von Dagmar Leischow

So, 29. November 2020 um 20:06 Uhr

Rock & Pop

"Studio 2054": Die Sängerin Dua Lipa veranstaltete in einer alten Lagerhalle in New York ein Streaming-Konzert , das erstaunlich gut funktionierte.

Das Jahr 2020 ist für die Sängerin Dua Lipa wie eine Achterbahnfahrt. Am 27. März, kurz nach dem ersten Lockdown, musste die Britin ihr zweites Album "Future Nostalgia", das den Disco-Sound der 70er- und 80er-Jahre mit modernem Elektropop verwebt, vorzeitig veröffentlichen. Der Grund war ein Leak. Jemand hatte ihre Songs illegal ins Netz gestellt. Auf diesen Tiefpunkt folgten weitere. Die 25-Jährige verschob wegen der Pandemie mehrfach ihre Tournee, zuletzt wurden ihre für Januar 2021 geplanten Auftritte abgesagt. Im November konnte die Musikerin endlich etwas Positives vermelden: Sie hat nicht nur für die Grammy Awards sechs Nominierungen abstauben können, sondern plante ein Livestream-Konzert namens "Studio 2054", das am Wochenende stattfand. Dafür wurde eine alte Lagerhalle, angelehnt an das legendäre "Studio 54" in New York, in einen Club verwandelt.

Tatsächlich bietet "Studio 2054" eine aufwendig inszenierte Show, die man ohne weiteres auf die Bühne bringen könnte – mit Glitzerkostümen, Kunstnebel, Discokugel, Rollschuh-Choreografien, einer DJane, Bar und zahlreichen Gästen. Unter ihnen Kylie Minogue, die ihr Lied "Real Groove" mit Dua Lipa singt. Elton John wird per Video für seine "Rocket Mann"-Interpretation zugeschaltet. Als Dua Lipa dann vom Club in ein rotes Boudoir tänzelt, geht ein Fernseher an. Über den Bildschirm flimmert die Musikerin in einer innigen Umarmung mit Miley Cyrus, zu hören ist natürlich ihr gemeinsames Duett "Prisoner".

All das funktioniert online erstaunlich gut. Nummern wie "Physical" animieren dazu, vom Sofa aufzuspringen und durchs Wohnzimmer zu tanzen. So ein Gute-Laune-Moment ist in Corona-Zeiten eigentlich unbezahlbar, hat aber nur 13,99 Euro gekostet. Wer ein Dua-Lipa-Konzert in Hamburg, Berlin oder Köln besuchen will, muss zwischen 55 und 90 Euro berappen. Das ist für einen Popstar ihrer Kategorie verhältnismäßig günstig, aber trotzdem nicht für jeden erschwinglich.

Dank der Streaming-Konzerte haben selbst Menschen mit einem geringeren Einkommen die Chance, ihren Lieblingsstar "live" zu sehen. Oftmals werden die Auftritte via Internet sogar umsonst angeboten. Der Pianist Igor Levit spielte während des ersten Lockdown jeden Abend bei Twitter live und gratis. Die Musikerin Sophie Ellis-Bextor lud regelmäßig auf Instagram zur "Kitchen Disco" in ihre heimische Küche ein. Mit von der Partie waren stets ihre fünf Söhne, die um ihre Mutter herumtanzten oder manchmal ein paar Zeilen singen durften. Auf der einen Seite gab die Britin einen Einblick in ihr Familienleben und suggerierte ihren Fans auf diese Weise Nähe, auf der anderen Seite sammelte sie Material für ihr kürzlich erschienenes Album "Songs from the Kitchen Disco" mit Eigenkompositionen und Coversongs.

Die Pandemie trieb Nick Cave ebenfalls dazu, sich einen Plan B zu überlegen. Er tüftelte ein ziemlich cleveres Geschäftsmodell aus, nachdem seine Konzerte nicht wie geplant stattfinden konnten. Im Juli konnten seine Anhänger gegen Bezahlung seinen Soloauftritt "Idiot Prayer: Nick Cave alone at Alexandra Palace" streamen. Diesen Event wollte er in einer erweiterten Fassung am 5. November ins Kino bringen, was allerdings am Teil-Lockdown scheiterte. Trotzdem erschien der Live-Mitschnitt am 20. November als Album und schaffte den Sprung in die Top 15. So ein Projekt hätte sicher auch nach Covid-19 eine Zukunft. Genau wie die digitale Live-Variante des Tomorrowland-Festivals, die dank Stars wie Katy Perry über eine Million Zuschauer anzog. Die dass Ereignis verpasst hatten, konnten für 12,50 Euro ein Ticket für die Relive-Plattform erstehen. Nach diesem Erfolg ist eine Online-Tomorrowland-Silversterausgabe geplant – mit mehr als 25 Hardstyle-, Techno- und EDM-Acts, darunter David Guetta oder Snoop Dog aka DJ Snoopadelic. Die Karten kosten zwischen 20 und 145 Euro. Natürlich wünschen sich alle, dass die Zuschauer wieder bei so einer Veranstaltung vor der Bühne stehen können. Selbst dann wäre es aber sicher ein kluger Schachzug, weiterhin zumindest einige DJ-Sets oder Auftritte zu streamen, weil man ein solches Ereignis Interessierten überall auf der Welt zugänglich machen könnte. Das schafft zum einen Reichweite, zum anderen fördert es die Bereitschaft, für Online-Angebote tatsächlich etwas zu bezahlen.