Mit Witz, Charme und professioneller Eloquenz

Martha Weishaar

Von Martha Weishaar

Mi, 28. Juli 2021

Bonndorf

WIE WAR’S BEIM Literaturgespräch im Schloss Bonndorf? Gaby Hauptmann zeigt sich in Plauderlaune.

. Über die Auswahl der Bücher, die jemand liest, kann man etwas über den jeweiligen Menschen erfahren. Das bewegt Kulturamtsleiterin Susanna Heim zur Veranstaltungsreihe "Ein Mensch und drei Bücher". Schriftstellerin Gaby Hauptmann bestätigte dieses Ansinnen in der nunmehr dritten Auflage der Literaturgespräche in Schloss Bonndorf. Im lockeren Dialog mit dem Kulturexperten Johannes Bruggaier über drei ausgesuchte Werke schilderte die Bodensee-Schriftstellerin Schlüsselsituationen ihres Lebens, plauderte nebenbei aber auch allerlei Erheiterndes aus.

Im Gegensatz zu den von Ernsthaftigkeit durchdrungenen, bisherigen Literaturgesprächen mit dem Soziologen Hartmut Rosa und Kurienerzbischof Georg Gänswein reihte Gaby Hauptmann nahtlos unterhaltsame Anekdoten und schicksalhafte Situationen aus ihrem Leben an politische, soziale oder gesellschaftskritische Betrachtungen. Mit Witz, Charme und professioneller Eloquenz gewährte die Moderatorin Einblick in ihr Dasein, stellte dabei allerdings klar, dass kein Buch dieses "geprägt" habe. Vielmehr habe sie aus einer Vielzahl von Lieblingsbüchern für die Veranstaltung drei Titel ausgewählt, die ihren Werdegang allenfalls widerspiegeln. In der "Struwwelliese" etwa sehe sie sich ziemlich gut beschrieben, mit all den Freiheiten, die sie in ihrer Kindheit im elterlichen Künstlerhaushalt genießen durfte. Anstatt dem, der Adenauerära entsprechenden, Mädchenbild von "sauber und adrett" sei sie eher ein rebellierender Trotzkopf gewesen. Ob sich diese weibliche Rebellion in ihren eigenen Büchern wiederfinde, wollte Johannes Bruggaier von der Autorin wissen. Darauf gibt es kein klares Ja oder Nein. Vielmehr wandelten sich Inhalt und Stil im Verlauf ihrer bislang 40 erschienenen Bücher.

Gerhart Hauptmanns "Weber" habe sie als prägendes Buch ausgewählt, weil sie selbst als Journalistin im Verlauf ihrer Recherchen in Asien Parallelen zu den von Hauptmann beschriebenen Arbeitsbedingungen der schlesischen Weber Mitte des 19. Jahrhunderts erfahren habe. "Die Weber" thematisiere soziale Ungerechtigkeit, die sich bis in die heutige Zeit fortsetze, wenngleich unter anderen Vorzeichen. "Großkonzerne bestimmen die Spielregeln des Marktes. Interessieren wir uns überhaupt für benachteiligte Menschen in bestimmten Teilen der Welt, derweil wir vor allem politisch korrekt sein wollen und mit gendern beschäftigt sind?", wollte Johannes Bruggaier wissen.

Damit waren die Protagonisten mitten in einer politischen Debatte, befassten sich mit fragwürdigem Konsumverhalten oder unsinnigen Lerninhalten. Darauf, dass Gaby Hauptmann in ihren als Frauenbücher bezeichneten Werken durchaus auch politische Aspekte thematisiert, war ihr Gesprächspartner indes nicht gefasst. Kess stellte die Autorin in Frage, wie gut vorbereitet er sei. Er wird es ihr nicht übel genommen haben, kokettierte Hauptmann doch in mancherlei Hinsicht mit landläufig geltenden Frauen- oder Männerbildern, verglich eigene Lebenserfahrung mit derer von "Junghüpfern" und ließ klar erkennen, dass sie als versierte Moderatorin gerne Regie führt und nicht davor zurückschreckt, Gesprächspartner geflissentlich zu korrigieren. Dass sie Martin Walsers "Fliehendes Pferd" als drittes literarisches Werk ausgesucht hatte, habe absolut nichts mit ihrer Freundschaft zu dem Schriftstellerkollegen aus Nussdorf am Bodensee zu tun. Launig erzählte sie von den exzellenten Kochkünsten der Käthe Walser, exorbitanten Immobilienpreisen in der Nachbarschaft des Schriftstellers oder dessen Vorliebe für gute Rotweine, die sie bei Gelegenheit mit ihm teilt. Bruggaiers Überlegung, inwiefern Walsers Werk mit Goethes Wahlverwandtschaften zu tun haben könnte, geriet dabei zur Nebensache. Gaby Hauptmann, doch auch profunde Pferdekennerin ist, zog eine völlig andere Essenz aus diesem Werk: "Ein fliehendes Pferd lässt sich niemals aufhalten. Stell dich also nie davor, sondern versuch lieber, etwas von dieser unbändigen Kraft mitzunehmen." Und regte damit zur philosophischen Betrachtung der Novelle an ehe sie sich munter plaudernd über Begegnungen mit weiteren Berühmtheiten aus der Kulturszene ausließ – in Bonndorf übrigens vor überwiegend weiblichem Publikum.