Mit Wumms durch die Semana Santa

Johannes Bachmann

Von Johannes Bachmann

Mi, 07. April 2021

Mountainbike

MTB-Profi Simon Stiebjahn hebt an Ostern in Nordspanien ab.

. Weihnachten muss sein. Silvester auch, trotz Corona. Noch größere Bedeutung hat im katholischen Spanien die Semana Santa, die Heilige Woche zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag. Am Karfreitag pilgern sonst Hunderttausende zu Prozessionen. Einer der höchsten Festtage im Kirchenjahr ist Gelegenheit, mit exzessivem Draußensein innenzuhalten. Corona lässt das in einer Zeit des durch die Pandemie diktierten Stillstands nicht zu. Der Baubranche ist die Semana Santa einerlei. An Karfreitag wird in Nordspanien malocht wie an jedem normalen Arbeitstag. Das war jetzt ebenso erlaubt wie Profisport.

Rackern im Sattel stand in den Tagen vor Palmsonntag und in der Semana Santa für den Berufsmountainbiker Simon Stiebjahn auf dem Programm – in zehn Wettkampftagen kurbelte der 31-jährige Langenordnacher zuerst bei vier Etappen in der Küstenregion zwischen Valencia und Barcelona und beendete die viertägige Kraftanstregung auf Gesamtrang 18 (die BZ berichtete). Von Gründonnerstag bis Ostersonntag folgte die Zugabe – bei einem weiteren Etappenrennen rund um das knapp 40 000 Einwohner zählende nordspanische Igualada, bei frühsommerlicher Wärme mit bis zu 25 Plusgraden, über Stock und Stein, bei hoher Trittfrequenz und mit ausgefahrenen Ellenbogen.

Seit Ostermontag ist Simon Stiebjahn zurück im Hochschwarzwald. Braungebrannt. Und mit dem Wissen, "dass der Flug nach Spanien was gebracht hat". Die Rennhärte ist da. "Darauf kann ich aufbauen", sagt Stiebjahn am Tag nach dem Heimflug im Gespräch mit der BZ, die den MTB-Profi eigentlich ermattet auf dem Sofa "in de Orne" erwartet, weil Stiebjahn im Whatsapp-Chat so entspannt wirkt, als säße er bei einer Tasse Tee. Es ist die Gelassenheit eines Profis, der so wenig wie möglich dem Zufall überlässt. Nach dem Rennen ist vor dem Rennen.

Statt alle Viere von sich zu strecken, sitzt Stiebjahn schon wieder auf dem Rad, allerdings auf der Rolle, wohl temperiert und gut bedacht. Schließlich liegt draußen frisches Weiß, das Thermometer verharrt sieben Strich unter Null. Ein herber Kontrast nach den Sonnentagen in Spanien. Stiebjahn genießt den Blick über die schockgefrosteten Wiesen in seiner Heimat. Mehr als 1000 Kilometer hat er Ende November und in einem Winterwunderland-Januar auf Langlauflatten absolviert und sich damit eine stabile Grundlage für die Herausforderungen der Mountainbike-Saison 2021 geschaffen.

Anfang Mai wollte er zum Auftakt des acht Rennen umfassenden Mountainbike-Marathonweltcups in Polen in die Pedale treten – doch die Pandemie lässt das nicht zu. Angesichts hoher Inzidenzzahlen verschoben die Polen das Rennen auf September. Start in die MTB-Marathonsaison ist für Stiebjahn damit am 17. Mai beim Mehr-Etappenrennen Andalucia-Bike-Race in den spanischen Provinzen Jaen und Cordoba.

Die Pandemie, sie gängelt Stiebjahn, auch wenn der MTB-Profi um seine privilegierte Sonderstellung weiß. Als Berufssportler hat er Freiheiten, auf die Amateursportler vor allem in Mannschaftssportarten seit mehr als fünf Monaten verzichten müssen. Kicker dürfen nicht kicken, Turner nicht turnen, Volleyballer nicht pritschen. Dass er kurbeln darf, sieht Stiebjahn als Geschenk und ein paar Malaissen nimmt er so als gegeben.

"Die Trails haben

sehr viel Spaß gemacht."

Stiebjahn über die Flugeinlagen
Auf den beiden ersten Etappen in Nordspanien wurde Stiebjahn von Heuschnupfen geplagt, bei Herausforderung Nummer drei hatte er sich am Karsamstag an die Allergie gewöhnt, bot eine stabile Leistung und kurbelte nach 60 Kilometern und 1600 Höhenmetern als 15. über den Zielstrich. Getrübt wurde das solide Ergebnis durch das Aus von Stiebjahns Teamkollege Simon Schneller, der in der Startphase stürzte und mit Prellungen das Rennen aufgeben musste.

Am Schlusstag war Stiebjahn auf der Königsetappe bei der wilden Jagd über 38 Kilometer, 1000 Höhenmeter und eine mit vielen schulterbreiten Pfaden gespickte Strecke in seinem Element: "Die Trails haben sehr viel Spaß gemacht." In der Nacht auf Ostersonntag hatte es geregnet, der Staub war damit gebunden, der Grip bergab gut "und die Nase war endlich frei". Stiebjahn fand sein Niveau rasch in einer Gruppe, die bis Mitte des Rennens rund 40 Sekunden hinter der Spitze um Rang 15 rangelte.

"Das war okay", freute sich der Langenordnacher über gute Beine, "am Ende konnte ich den Zielsprint der Gruppe gewinnen". In der Gesamtwertung belegte der Langenornacher damit nach vier Etappen und 216 Kilometern mit 21:14 Minuten Rückstand auf Sieger Hans Becking den 18. Platz. Was bleibt, ist Zufriedenheit. Stiebjahn freut sich über seine stabile Form, die Langstreckenausdauer ist herausragend. "Aber es gibt da noch ein paar Schwächen", gesteht der Langenordnacher, vor allem in der Startphase hatte er bei den MTB-Etappenrennen in Spanien noch Schwierigkeiten mit dem "all out beim all in".

Volle Kanne beschleunigen, das macht er mit links, aber die extreme Belastung zu Beginn eines Wettkampfs berge Risiken: "Meine Laktatverträglichkeit ist im Moment noch nicht so gut." Hobbysportler kennen das Phänomen. Wird dem Körper unter Maximallast mehr abgefordert, als es der Trainingszustand zulässt, droht rasante Übersäuerung, die Muskeln streiken. Und aus ist’s mit dem Rennen. Bei Stiebjahn ist die Sache komplexer. Kurbeln kann er Stunde um Stunde und wenn es sein müsste, rund um die Uhr.

Die Grundlagenausdauer ist enorm, "aber Laktat ist im Moment ein Aballprodukt, mit dem mein Körper nichts anfangen kann." Das soll sich ändern. Bei heftigen Sprinteinheiten. Wer selbst Rad fährt, weiß: das tut weh. Stiebjahn hat damit kein Problem. Das Fundament, auf dem sein Können fußt, ist breit, die Grundlagenwerte sind exzellent. Jetzt muss er nur noch den Druck erhöhen. Und der Schnee dem Frühling Platz machen.