Tag des Cocktails

Mixologen kreieren Drinks aus unerwarteten Zutaten

dpa

Von dpa

Do, 12. Mai 2022 um 21:03 Uhr

Panorama

Cocktail-Kultur im Jahr 2022, das ist mehr als Mai Tai und Mojito. Das Zubereiten von Drinks ist zu einer Wissenschaft geworden. Die Klassiker sollte dennoch jeder Bartender beherrschen, sagt ein Experte.

Schon der Welcome Drink im hip-mondänen BKK Social Club in Thailands Hauptstadt hat es in sich – sprichwörtlich. Argentinischer Wermut, Rosmarin, Chrysanthemen, Zitrusnoten und karbonisiertes Wasser verbinden sich zu einem eleganten Aperitif. Cocktail-Kultur im Jahr 2022, das ist mehr als Mai Tai, Mojito oder Margarita. Das Kreieren und Zubereiten von Drinks ist zu einer Wissenschaft geworden, die mit Rezepten und Konzepten experimentiert. "Alles ist möglich", sagt Philip Bischoff, ein Meister der Mixology. So heißt heute Barkunst auf höchstem Niveau.

"Aber natürlich gehören auch die Klassiker weiterhin dazu, und jeder Bartender sollte sie beherrschen", sagt der gebürtige Berliner, während er einen sogenannten Milongas mixt, eine von ihm entwickelte Gin-Tonic-Variante mit argentinischen Nuancen. Knallrot schimmert sie im bauchigen Glas. Bischoff erfand einst die Hotelbar Amano in Berlin-Mitte neu, wechselte später in die Manhattan Bar nach Singapur, die seit Jahren zu den besten der Welt zählt. Dort standen dem 41-Jährigen mehr als 100 Eichenfässer für seine Cocktails zur Verfügung, deren Ingredienzen sich bei der Lagerung nicht nur harmonisch verbinden, sondern durch das Holz auch eine rauchige Note bekommen. "Das waren Wahnsinnsjahre", erinnert sich Bischoff. Seit kurzem mischt er Bangkok auf.

Die Feinschmecker-Metropole am Chao Phraya spielt in der globalen Bar-Szene vorne mit. "16 der insgesamt 50 weltbesten Bars befinden sich mittlerweile in Asien und haben inzwischen auch Bangkok mit dem Mixology-Virus infiziert", sagt der Münchener Christoph Kiening, der weltweit Konzepte für Hotels und Bars entwirft. Weltweiter Trendsetter in puncto Mixology bleibt aber London. Die Connaught Bar im eleganten Viertel Mayfair schaffte es in der Liste der besten Bars der Welt 2020 und 2021 sogar ganz an die Spitze.

Auch die Essenz aus Steinen wird extrahiert

"Bartender spielen heute mit kostbarem Equipment", erzählt Bischoff. Rotovaps, Sonicprep, Molecular Mixology – so lauten einige der avantgardistischen Namen der Maschinen und Verfahren, mit denen der perfekte Drink ins Glas gezaubert werden soll. Es wird extrahiert, re-destilliert, zentrifugiert, karbonisiert und geklärt.

"Der Mixologe wird immer mehr zum Koch", ist Christoph Kiening überzeugt. Es reiche schon lange nicht mehr, einfach Spirituosen, Sirups & Co. zusammenzugießen. "Um neue Aromen und Texturen – und somit neue Wow-Erlebnisse – zu entwickeln, muss der Mixologe in die Küche, sich mit Sous-Vide, Rotationsverdampfer und Fermentation auseinandersetzen."

Das geht so weit, dass etwa in der berühmten Bamboo Bar im Mandarin Oriental Hotel die Essenz aus Steinen extrahiert wird. "Summit" (Gipfel) heißt der ungewöhnliche Drink. Gin, Pastille, Salbei und Granit sind die Zutaten. Passend wird der Cocktail mit einem gefrorenen Stein als Eiswürfel serviert. Der mit dem Stein-Extrakt vermengte Gin schmeckt frisch, geradlinig, weniger scharf als die mineralfreie Variante.

"Vor 20 Jahren hat es all das noch nicht gegeben, auch weil die Maschinen, über die wir heute verfügen, noch gar nicht existierten", sagt Barkeeper Chanakan Thaoanon, der die Cocktails in der Bamboo Bar mitentwickelt. Auch Essenzen von Kaviar, dem Holz von Apfelbäumen oder Jasminreis werden verarbeitet und mit Aromen wie Kaffir Lime, Koriander oder Kokosnusstee kombiniert.

Der Trend geht in Richtung weniger Prozente

Da der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, geben viele Barkeeper ihren Menüs ein Motto. So sind thailändische Ingredienzen und Essenzen Hauptbestandteil der saisonalen Cocktailkarte der Bamboo Bar. Die Drinks sind thematisch in die fünf typischen Landschaften Thailands gegliedert, vom Regenwald (eingearbeitet werden wilder Honig, Pilzkaffee oder Passionsfrucht) bis hin zu Inseln (mit Blue Curaçao als Farbe des Meeres, weißem Mandelsand oder grünem Seetang). Die Bar Vesper im schicken Stadtteil Silom – ebenfalls auf der Liste der 50 besten Bars in Asien – hat sich dagegen "Kontraste" zum Thema genommen. Bar-Manager Federico Balzarini mischt zum Beispiel klaren Gin, Fino Sherry, Zitrone und Passionsfrucht mit schwarzer Aktivkohle.

Und wohin geht die Reise weiter? "Es gibt noch viel Luft nach oben, da sind uns Barkeepern keine Grenzen gesetzt", sagt Philip Bischoff. Der Trend gehe aber dahin, "leichtere Cocktails zu entwerfen, also etwa Wermut-basierte Drinks", so der Deutsche. Ähnlich sieht das Kirill Samoilenko, der neue Manager der Bamboo Bar. Der Trend gehe Richtung Kreationen, die nicht ganz auf Alkohol verzichten, aber deutlich weniger Prozente haben. Denn immer mehr Gäste wollten gesund leben, aber trotzdem nicht auf einen hochwertigen Cocktail verzichten.