Klassik

"Movimenti": Werke des Freiburger Komponisten Otfried Büsing auf CD

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Fr, 19. Juli 2019 um 20:16 Uhr

Klassik

Otfried Büsing (Jahrgang 1955) lehrt als Professor für Musiktheorie an der Freiburger Hochschule. Jetzt ist eine mustergültige CD mit Büsing’scher Kammermusik erschienen.

Dieses Schräge, Sperrige, Komplexe, Verkopfte: Man kennt das zur Genüge. Vielleicht haben Sie sich deshalb aber auch schon mal gefragt: Gibt es neue, ambitionierte Tonkunst, die – und zwar ohne jedwede Anbiederung – den Hörer erreicht? Klare Antwort: ja. Diese CD mit Werken von Otfried Büsing ist ein Musterbeispiel dafür. "Movimenti" (Sätze, Bewegungen) heißt die Scheibe mit fünf kurzweiligen Kreationen des Freiburger Komponisten aus den Jahren 1986 bis 2008. "Toccata", "Ciacona", "Rondo" – bereits diverse Satzbezeichnungen dokumentieren da das Bekenntnis zur Tradition.

Stünde man vor der Aufgabe, ein für Büsings Musik nachgerade charakteristisches Intervall zu benennen: Der fallende kleine Sekundschritt, mit dem ja auch das B-A-C-H-Motiv anhebt, käme in die engere Wahl. Wie denn überhaupt Bach, dessen fragmentarische Markus-Passion er (alle Achtung!) rekonstruiert hat, im Musikdenken des langjährigen Freiburger Musiktheorie-Professors (und studierten Kirchenmusikers) eine wichtige Rolle spielt. Abermals und ganz konkret Bach: Im Ensemblestück "Break" hat man für einen Moment den Eindruck, als schaute das erste Thema von Contrapunctus X aus der "Kunst der Fuge" um die Ecke...

Büsing (Jahrgang 1955) hat Ideen. So umrahmen im "Concerto a cinque" zwei bewegte, fast motorische Toccaten eine Pavane, jenen gravitätischen höfischen Schreittanz der Renaissance. Das Alte und das Neue: Sie gehen in eins. Der Prolog kennt Ostinates. Bei einem Werk, in welchem sich die Bassposaune (erstklassig: Hermann Bäumer) beherzt in den tiefen Keller des Klanggebäudes begibt.

Nicht nur in dem titelgebenden Trompetenopus "Movimenti" von 1986 zeigt sich, dass Büsing, gleichwohl auf seine Art, auch als Komponist unserer Tage engagiert dem Melos zugetan ist. Der Spätromantiker Max Reger war es einst, der beim Komponieren das Erfinden einer Melodie für besonders schwierig hielt. Die Trompete (Joachim Pliquett) singt. Sie sendet auch Signale. Die Orgel (Arvid Gast) ist Partner. Dass die Kombination Trompete & Orgel sogar swingen kann: Beim finalen Rondo wird es deutlich. Bei Büsing, diesem Artifex und somit Kunstmacher, spürt man oft das Musikantische, wird es fast zu einem Aktivposten.

Büsings Musik berührt

Und man spürt das Spielerische. Wie bei der "music for a very old saxophone" von 2001. Mit größter Kompetenz demonstriert Harry White, was im Altsaxophon steckt. Bei Satzbezeichnungen wie "polyphony" und "reminiscence". Letztere Etappe rezipiert einen amerikanischen Song. Eine schöne Erinnerung auch an den 2017 verstorbenen Rolf Röbcke, von dem diese Aufnahme stammt. Büsings Musik berührt, regt an – auch zu Assoziationen. So denkt man beim nachimpressionistischen Klavierstück "in die ferne / risalendo la lontananza" von 2008 (Mitschnitt der Uraufführung mit Pi-hsien Chen) an einen Hinaufmarsch, an eine "Anabasis", jenes Werk des antiken griechischen Autors Xenophon. Die größte Besetzung weist "Break" auf, dieses vom Ensemble SurPlus unter James Avery präsentierte dichte Opus von 1995, das mancherlei Brechungen thematisiert.

Die hervorragende CD ist ein veritables Dokument. Sie bietet – unter Verzicht auf Vokales – einen exemplarischen Blick auf Otfried Büsings ereignisreiche Kammermusik, der weite Verbreitung zu wünschen ist. Die falsche Track-Nummer zu "Break" lässt sich bei Gelegenheit sicher noch berichtigen.

Otfried Büsing: "Movimenti" (kreuzberg records kr10130).