Nostalgiealarm

Museum zeigt Ausstellung zur Geschichte der elektronischen Spiele

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Mi, 19. Februar 2020 um 15:40 Uhr

Kultur

Ihre Geschichte beginnt bei Pong und endet bei Virtual-Reality-Spielen noch lange nicht: Die Ausstellung "Games" in Zürich zeigt die Evolution digitaler Daddelei – im frisch renovierten Westflügel des Museums.

Wie nennt man das? Zirpen? Digitalschmatzen? Für viele Babyboomer ist es wohl schlicht: eine akustische Zeitkapsel aus der Kindheit, noch bevor der "Pong"-Bildschirm zu sehen ist. Zwei auf- und abwärts steuerbare Balken, ein graues Dings als Ball-Ersatz – fertig war das erste erfolgreiche Computerspiel, das die Firma Atari 1972 vorstellte und Ende 1975 für den Heimmarkt lancierte.

Aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar, dass für solch primitives und nervenaufreibendes Geruckel teure Spielautomaten gebaut und ganze Spielhallen – Arcades – entstanden. Spätgeborene können in der Netflix-Serie "Stranger Things" sehen, wie das aussah.

Das Museum eines Museums: Der neu renovierte Westflügel

"Pong" markierte die Geburtsstunde eines Marktes, der heute 2,5 Milliarden Menschen erreicht und dessen Umsätze sich allein zwischen 2016 und 2019 auf 123 Milliarden Dollar versechsfachten: Computerspiele. Knapp 50 Jahre nach "Pong" hat das Schweizerische Landesmuseum in Zürich in seinem kirchenartigen Erdgeschoss eine kleine, aber feine und liebevoll installierte Sonderausstellung zur Geschichte der elektronischen Spiele eingerichtet. Über sechs Stationen, die mit großer Detailfreude Wohnzimmer, Spielhallen oder LAN-Partys im Stil der Zeit nachbilden, geht es von den primitiven Anfängen bis zu VirtualReality-Spielen, in denen sich die Akteure frei bewegen können.

Zunächst galt: Ein Spiel, ein Gerät. Die Konsole mit austauschbaren Kassetten brachte erst 1977 der Atari 2600. Und bis 1983, von "Pac-Man" bis "Mario Bros.", schossen die simplen Games wie Pilze aus dem Boden. Doch 1983 brach der US-Konsolenmarkt zusammen, der Heimcomputer C 64 übernahm das Ruder – Spielen ließen sich nun einfach auf Musikkassetten kopieren. 1985 erschienen die ersten Handhelds von Nintendo, deren Gameboy zum Klassiker wird.

Nostalgiealarm

Spieleklassiker wie der nach Früchten schnappende gelbe "Pacman" oder das Primitivballerspiel "Space Invaders" kann man in der Ausstellung testen – an den dazugehörigen Geräten. Nostalgiealarm. Doch die Ausstellung erzählt die Geschichte bis in die Gegenwart weiter. Sie stellt die Revolution der 90er dar, als die Spiele dreidimensional werden und Ego-Shooter wie "Counter Strike" entstehen. Und mit ihnen Debatten über Spielsucht oder mutmaßliche Zusammenhänge zwischen Amokläufern und Bildschirmkillern. Schießlich folgt der Sprung ins Internet und zu den LAN-Partys, Turnhallenturnieren gegen echte Gegner. Es kommen Spiele, in deren komplexen Endloslandschaften und offenen Erzählungen die Spieler selbst Regie führen.

Im Grunde aber ist die Spieleausstellung ein Fremdkörper im Landesmuseum. Der burgartige Bau am Hauptbahnhof beherbergt die wichtigste Sammlung und Ausstellung zur Schweizer Geschichte. 175 Millionen Franken wurden in die Sanierung der alten Trakte investiert, 95 Millionen allein in den Westflügel. Der ist nach Wiedereröffnung das Museum eines Museums – denn so wie Gustav Gull ihn 1898 konzipiert hatte, ist er ein herrlicher Anachronismus, ein "wundersamer Spaziergang durch die Jahrhunderte", wie das St. Galler Tagblatt schrieb.

Umlaufende Porträts unter großen Deckengemälden

Gull baute die Räume der Ausstellung um die Exponate herum – im Stil der jeweiligen Epoche. Ein Höhepunkt sind die zwölf historischen Prunkräume aus Bürgerhäusern, Palazzi, Klöstern, aber auch Bauernstuben vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert. Bei den Sanierungsarbeiten wurden diese Holztafel um Holztafel abgebaut, gereinigt und poliert und nach Erneuerung der Technik wieder Stück für Stück zurückgebaut. Einer der schönsten dieser Räume ist der große Barocksaal, den Heinrich Lochmann 1667 in Zürich für seinen Salon im Haus zum Langen Stadelhof bauen ließ. Umlaufende Porträts unter großen Deckengemälden zeigen französische Politiker und ihre Gegenspieler der Zeit.

Verantwortlich für den Umbau war das Basler Büro Christ und Gantenbein, das schon den 2016 eingeweihten Erweiterungsbau entwarf und auch den Neubau des Basler Kunstmuseums realisierte. Für den Westflügel mit seinen 35 Räumen haben sie alte Fenster und gar Gemälde wieder freigelegt, Böden erneuert und Licht ins Gemäuer gelassen. Auf 2000 Quadratmeter sind nun 7000 Objekte präsentiert: wie zu Gulls Zeit – aber mit moderner Technik. Die weiß gewandten Puppen im Barocksaal etwa erzählen vom Leben in der Schweiz um 1700, es gibt interaktive Bildschirme, Tablets liefern weitere Hintergrundinformationen.

Und wenn die Kleinen oder Großen nicht mehr können: Im Erdgeschoss lässt sich bei einer Runde "Space Invaders" Adrenalin tanken.
Schweizerisches Landesmuseum, Museumsstraße 2, Zürich. Bis 13. April ("Games"). Di-So 10 bis 17, Do bis 19 Uhr.

Wer nun nostalgisch wurde und dringend etwas zum spielen braucht, findet online zahllose Angebote wie www.free80sarcade.com. Besser zum historisierenden Ambiente des Landesmuseum passt aber das berühmte Backgammon-Spiel aus dem zwischen 1250 und 1300 in Zürich entstandenen "Codex Manesse". Thomas Weibel hat die Szene zum Leben erweckt und spielbar gemacht: Backgammon.