Musik ist hörbare Physik

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Di, 10. Dezember 2019

Lahr

Das Duo Leidinger-Daemen.

LAHR. "Dialogues" heißt die aktuelle CD des deutschen Pianisten und Komponisten Lucas Leidinger (*1988) und des belgische Altsaxofonisten Daniel Daemen (*1977). Das Programm, mit dem das Duo am Freitagabend im Lahrer Stiftsschaffneikeller gastierte, ist darauf fast vollständig zu finden. Nur wird es nicht so klingen wie bei diesem Konzert, denn nur ein geringer Teil der Stücke ist kompositorisch vorgegeben, der Rest ist – mehr oder minder freie – Improvisation.

Als "lyrisch" wird der Stil des Duos beschrieben, insgesamt ruhig und ein wenig versponnen kommt es daher. Lucas Leidinger erzählt kleine Geschichten über die Entstehung der Kompositionen. In "K’s Red Eyes" verewigt er ein kleines Mädchen, das er als Barpianist in Portugal kennengelernt hatte. Ein Stück, das zwischen Spannung und Überraschung wechselt, zwischen Anpirschen und spielerischem Erschrecken. Das Spielerische bleibt prägend in diesem Konzert der vorwiegend leisen Töne. Leidinger stoppt die Saiten im Flügel im Intro zu "Life in a box of glass", verzichtet lange auf den Einsatz des Pedals und lässt einen Pattern entstehen, der später von Daemen leicht verwandelt übernommen wird.

In "Ankomst" bleibt Leidinger auf dem Pedal, während Daemen vorsichtig in den geöffneten Flügel bläst und die Saiten zum Schwingen bringt. Ein leises Echo begleitet seine Improvisation, je schneller, desto vielfarbiger, je langsamer und lauter, desto intensiver klingt es nach. Es folgt ein Stück, dem liedhafte Elemente eine klassische Note verleihen.

Doch die beiden können auch ganz anders. In "Fl, Fl, Flubber" hüpft und springt es nur so hin und her. Flummis in einem Raum, hörbare Physik, der Energieerhaltungssatz lässt grüßen bei Handkantenschlägen auf die Höhen am Piano und bei Glissandi auf dem Saxofon. Zweimal weichen die beiden davon ab, nur Eigenes zu spielen. Von Carla Bley erklingt "utviklingssang" – zum Träumen schön. Als Reverenz an Thelonious Monk groovt sein schöner Offbeat-Blues "Misterioso". Leidinger und Daemen lassen sich auf kein Genre festlegen, bleiben aber mit vielen Stilen im Dialog. Großer Applaus und ein Schlaflied als Zugabe.