Öffentlicher Nahverkehr

Nach 13 Jahren hat London seine königliche U-Bahnlinie eingeweiht

Peter Nonnenmacher & dpa

Von Peter Nonnenmacher & dpa

Mi, 25. Mai 2022 um 20:37 Uhr

Panorama

Bahnhöfe wie Kathedralen, Züge für 1500 Passagiere – die "Elizabeth Line" in der britischen Hauptstadt hat den Betrieb aufgenommen. Knapp 19 Milliarden Pfund verschlang die Strecke.

Eine violette Doppellinie läuft neuerdings quer über die "Tube Map", die Londoner Bahn- und U-Bahn-Karte, von Westen nach Osten. Zum Schwarz der Northern Line, zum Blau der Picadilly Line, zum Rot der Central Line und zu all den anderen Farben gesellt sich eine nagelneue Linie in Royal Purple, die Elizabeth Line. Crossrail war der Name dieser 118 Kilometer langen Strecke in den Jahrzehnten ihrer Planung und ihres Baus. Dann hat man sie zu Ehren der inzwischen 96-jährigen Monarchin der Insel umgetauft.  Vergangene Woche hatte die Namensgeberin die Elizabeth Line offiziell eröffnet. Und nun am Dienstag hat die neue Linie – zumindest auf ihrem zentralen Streckenabschnitt – den Betrieb aufgenommen.

"Ich bin aufgeregt. Ich bin wie der kleine Junge kurz vor Weihnachten." Sadiq Khan
Um 6.33 Uhr verließ der erste Zug mit einigen Hundert Passagieren den Bahnhof Paddington. Etliche U-Bahn-Fans hatten in der Nacht am Bahnhof ausgeharrt, um dabei zu sein. Stundenlang in einer Schlange vor einem geschlossenen Bahnhof zu warten, sei das Britischste, was man sich vorstellen könne, sagte ein Fahrgast am Morgen der BBC. "Ich bin aufgeregt. Ich bin wie der kleine Junge kurz vor Weihnachten", gab Londons Bürgermeister Sadiq Khan zu, der mit an Bord war.

Ohne das Kreischen und Poltern der alten U-Bahn-Züge

Geschmeidig rollen nun die langen Züge an die Bahnsteige oben im Freien und unten in den Tunneln. Ganz ohne das Kreischen und Poltern der alten U-Bahn-Züge aus der viktorianischen Ära – 1863 war die erste Verbindung eröffnet worden– geht es zu. Weiträumig und komfortabel laden die Wagen zum Mitfahren ein.

Enorm sind die Dimensionen der neuen unterirdischen Bahnhöfe. Projektchef Mark Wild schwärmt von "kathedralenähnlichen Stationen". Dabei sind sie funktional angelegt und kommen ohne nostalgischen Luxus, ohne Lüster und Zierwerk aus.  Wichtiger sind sanft gerundete Gänge, luftige Hallen und gelegentlich Tageslicht. Allein die imposante Eingangshalle in Paddington, unter einem gewaltigen Glasdach mit digitalem Wölkchen-Effekt, ist über 120 Meter lang. Die Bahnsteige der neuen Linie sind, um ein Maximum an Wagen bewältigen zu können, auf 240 Meter Länge angelegt.

1500 Passagiere kann ein Zug der Elizabeth Line befördern. Das sind doppelt so viele, wie die Picadilly Line verkraftet. Bürgermeister Khan hält die Elizabeth Line denn auch für die "bedeutendste Ergänzung unseres Verkehrssystems seit vielen Jahrzehnten". Fast die ganze Ära der Queen hat es ja auch gedauert, bis die Elizabeth Line eröffnet werden konnte.

Die Idee einer "Underground-Railway" quer durch London geht auf die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. 1974 wurde der Name Crossrail geboren. 1989 wurde das Projekt ein ernsthaftes Konzept.  2008 begannen die Vorbereitungen mit Vermessungen, Landkauf, ersten Abrissmaßnahmen, bis ins Herz Londons hinein, nach Soho. Der Veranstaltungsbau Astoria an der Charing Cross Road wurde das prominenteste Opfer der neuen Strecke. 2012 wurden die tausend Tonnen schweren Bohrmaschinen angefahren, die sich durch die Erde unter London wühlten. Äußerst vorsichtig arbeitete man sich voran, um 42 Kilometer neuer Tunnel zu graben.  Zeitweise wurde die Baustelle, die in einigen Vierteln Londons jahrelanges Chaosverursachte, zur größten archäologischen Fundstätte des Landes.

Corona hat Londons U-Bahnverkehr ausgedünnt

Fertig sein sollte die Linie eigentlich 2018, aber dann dauerte es doch länger. Knapp 19 Milliarden Pfund verschlang sie am Ende.  Einige Kritiker bemängeln, dass wieder einmal London bevorzugt worden ist vor der Provinz. Auf die West Midlands zum Beispiel, die Region um Englands zweitgrößte Stadt Birmingham, entfällt an Geldern für den öffentlichen Verkehr pro Kopf der Bevölkerung nur ein Drittel dessen, was London erhält. John Whitelegg, ein Verkehrsexperte der Universität Liverpool, sagt: "Ich bin sicher, es ist ein tolles Stück Technologie. Aber der Stadt Liverpool hat die Regierung erklärt, sie könne keine Straßenbahn bekommen.

Nicht vorherzusehen war, wie sehr sich Londons U-Bahn-Verkehr durch Corona ausdünnen würde. Für Crossrail hatte man ursprünglich mit jährlich 250 Millionen Passagieren ums Jahr 2026 herum gerechnet. Jetzt, schätzt Londons Verkehrschef Andy Byford, werden es vielleicht nur 130 bis 170 Millionen sein.  Mehr und mehr Londoner arbeiten von zuhause aus. Viele sind weit hinaus aufs Land gezogen, wo Wohnraum billiger ist.

Eine zweite Crossrail-Strecke von Norden nach Süden wird vorerst nicht gebaut. Erst einmal hofft man, dass Crossrail 1 bis Ende 2023 die gesamte lila Strecke umfassen wird, die nun sukzessive freigegeben werden soll. Dann kann man von Reading in der Grafschaft Berkshire bis nach Shenfield in Essex fahren, quer unter London durch.