Corona-Lesergeschichten

Nach 48 Tagen auf einem Schiff endlich wieder an Land

Miroslav Dakov

Von Miroslav Dakov

So, 17. Mai 2020 um 12:43 Uhr

Panorama

Weil die Häfen entlang der Route dicht waren, ist die Crew eines Kreuzfahrtschiffs auf dem Seeweg zurück nach Europa. Die ersten Wochen wurde gefeiert – doch dann gab es einen Corona-Fall an Bord.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Miroslav Dakov, 35 Jahre, Fotograf aus Freiburg.

48 Tage lang hatte ich keinen festen Boden unter mir – und als ich endlich vom Schiff durfte, da habe ich geweint. Ich bin Kreuzfahrt-Fotograf. Am 16. März war der letzte Landgang, in Costa Rica. Dann war klar: Die Häfen sind zu. Die Gäste wurden heim geflogen. Wir steuerten Teneriffa an, mit 900 Crewmitgliedern auf einem Schiff für 3.300 Personen. Es war eine schöne Überfahrt, wir durften in die Gästekabinen. Für mich war das wie Urlaub.

Als wir Teneriffa erreichten, hieß es: Von dort darf keiner heim fliegen. Stattdessen haben sie die Besatzung von mehreren Schiffen auf einem gesammelt, das nach Cuxhaven fuhr. Wir waren 3000 Leute – auf einem kleineren Schiff als vorher. Mit der Menge an Leuten waren wir überfordert. Social Distancing, das geht auf einem Schiff nicht. Das Virus würde sich wie ein Feuer ausbreiten, es ist so eng. An Land durften sich die Leute nicht mehr treffen – und wir haben Partys gefeiert.

In Cuxhaven, Ende April, hat uns der Reederei-Chef besucht. Am Ende seiner Rede sagte er: Es tut uns leid, aber ihr dürft nicht nach Hause. Da ist die Stimmung gekippt. Die Leute wurden ungeduldig. Manche haben die Nerven verloren, sind aggressiv geworden. Es gab Schlägereien. Für mich war das Schlimmste die Ungewissheit: Wann darf wer an Land gehen?

Eines Morgens kam eine Durchsage vom Kapitän: Eine Person wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Dann war alles durcheinander. Selbst ich habe mich nicht mehr wohl gefühlt, obwohl ich das alles bis dahin locker gesehen hatte. Jetzt kommt keiner mehr raus, habe ich gedacht. Und keiner wusste, woher das Virus gekommen war, wir waren ja seit Wochen nicht an Land gewesen.

Am 3. Mai hieß es dann: Heute ist die letzte Möglichkeit, auszusteigen. Wir haben in kürzester Zeit alles zusammengepackt, obwohl wir nicht wussten, ob wir an Land durften. Der vor mir in der Schlange am Zoll wurde wieder aufs Schiff zurückgeschickt. Ich habe einen Wohnsitz in Freiburg – und durfte durchgehen. Da war ein Schild: Ausgang hier. Ich habe meinen Rucksack abgestellt und ein paar Tränen geweint. Seit anderthalb Jahren arbeite ich auf Schiffen – und zum ersten Mal war ich so froh, wieder an Land zu sein. Das erste, was ich gemacht habe: In einem Dönerladen Falafel bestellt.



Erzählen Sie uns Ihre Corona-Geschichte!

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichten schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Schreiben Sie uns und erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Corona-Geschichte. Schicken Sie den Text (gerne mit Foto) per Mail an lesergeschichten@badische-zeitung.de. Einsendeschluss ist Sonntag, 7. Juni 2020.