BZ-Interview

Nach dem Zyklon: Eine Caritas-Helferin erklärt, wie schlimm die Lage in Mosambik ist

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Fr, 22. März 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Nach den schweren Überschwemmungen infolge eines Zyklons ist die Zahl der Opfer in Mosambik auf 293 gestiegen, in Simbabwe auf 145. Jutta Herzenstiel von Caritas international berichtet im Interview.

BZ: Frau Herzenstiel, wie sieht die Lage der Menschen in den überschwemmten Gebieten aus?

Herzenstiel: Wir fliegen erst kommende Woche ins Katastrophengebiet, um uns ein Bild zu machen. Unsere Caritas-Partner vor Ort berichten, dass die Lage dramatisch ist. In Beira, einer Stadt mit 500 000 Einwohnern, sind 90 Prozent der Häuser zum Teil zerstört. Der Zyklon und das Wasser haben Dächer abgedeckt. Manche der ohnehin baufälligen Häuser sind eingestürzt. Die Menschen haben keinen Strom, kein sauberes Wasser. Und das seit einer Woche. Viele konnten bei ihren Familien unterkommen.

BZ: Wie sieht es auf dem Land aus?

Herzenstiel: Es ist schwer, sich ein Bild von der Lage zu machen. Manche Gegenden können noch gar nicht erreicht werden. Die Menschen haben sich auf Dächer und Bäume geflüchtet. Dort haben sie weder Essen noch sauberes Wasser. Wir haben von den Mitarbeitern vor Ort gehört, dass ganze Dörfer in den Wasserfluten verschwunden sein sollen. Doch es gibt nicht genug Hubschrauber oder Boote, um in diese Gegenden zu kommen.
Jutta Herzenstiel (58) ist Referentin bei Caritas international und koordiniert die Nothilfe in Mosambik nach dem Wirbelsturm Idai. Sie arbeitete sieben Jahre in dem Land.

Spenden an Caritas international; Stichwort: Wirbelsturm Mosambik; Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe; IBAN: DE88 6602 0500 0202 0202 02; BIC: BFSWDE33KRL

BZ: Inwieweit ist die mosambikanische Regierung in der Lage, ausreichend Hilfe zu leisten, um die Leute zu retten?

Herzenstiel: Präsident Filipe Nyusi hat den Notstand für das Land ausgerufen. Alleine ist Mosambik kaum in der Lage, die Katastrophe zu bewältigen. Es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Indien hat schon Soldaten geschickt, aus Südafrika ist eine Art Technisches Hilfswerk vor Ort. Die Caritas hat vergangene Woche 250 000 Euro als Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Auch viele andere Organisationen und Länder helfen mit, die Katastrophe zu bewältigen.

BZ: Welche Art von Hilfe wird benötigt?

Herzenstiel: Jetzt geht es erst einmal um Soforthilfe. Das Welternährungsprogramm geht von 600 000 Menschen aus, die Nahrungsmittel brauchen. Wir versorgen die Opfer des Zyklons mit Grundnahrungsmitteln wie Bohnen, Reis und Mehl. Dann braucht es Trinkwasser, Kleidung, Medizin, Decken und Planen gegen den Regen. Doch wir werden dem Land auch beim Wiederaufbau helfen müssen. Nicht nur die Häuser wurden zerstört, auch die gesamte Ernte ist vernichtet. Jetzt wäre gerade Erntezeit. Viele Menschen im Hinterland von Beira leben allein von dem, was sie anpflanzen. Schon in normalen Jahren kommt es manchmal zu einer Lebensmittelknappheit in den Monaten vor der Ernte und die Menschen haben Hunger. Pro Tag leben die meisten von weniger als einem Dollar. Wir werden uns also darauf einstellen müssen, der Bevölkerung in den vom Zyklon betroffenen Gebieten mindestens ein Jahr lang Lebensmittelhilfen zukommen zu lassen.
Wie entstand Zyklon Idai?

Ein Zyklon ist ein tropischer Wirbelsturm. Er wird in unterschiedlichen Regionen anders genannt: Zyklon heißt er im südlichen Pazifik oder im Indischen Ozean, Hurrikan im Atlantik. Ein Zyklon entsteht über dem Meer, wenn das Oberflächenwasser eine Temperatur von mindestens 26 Grad Celsius hat und stark verdunstet. Zudem muss ein Wirbel entstehen. Über Land verliert der Zyklon an Kraft, da der Nachschub feuchtwarmer Luftmassen fehlt. Zyklon Idai hatte sich Anfang März über dem Indischen Ozean gebildet und traf weiter nördlich in Mosambik und Malawi zum ersten Mal auf Land, bevor er zurück aufs Meer hinauszog. Dort gewann er an Kraft. Am 15. März traf der Wirbelsturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 190 Kilometern pro Stunde erneut auf Land. Sturmfluten, Überschwemmungen und schwerer Regen folgten. Über Land schwächte sich Idai ab und zog nach Simbabwe. Damit waren die Gefahren nicht vorüber: Das Regenwasser, das der Zyklon im Hinterland abgeladen hatte, wird nun von über die Ufer getretenen Flüssen in die tiefergelegten Küstengebiete getragen. Die Folgen von Idai seien so verheerend, weil er "auf einen stark besiedelten Teil Mosambiks traf", sagt Anne-Claire Fontan von der Weltorganisation für Meteorologie.

BZ: Ist Mosambik ein besonders durch Zyklone gefährdetes Gebiet?

Herzenstiel: In Mosambik gab es schon früher Zyklone, aber nicht in dieser Gegend. Die Menschen hier dachten, sie seien durch die Insel Madagaskar, die vor Beira liegt, geschützt. Keiner hat hier mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Beira selbst liegt auf der Höhe des Meeresspiegels, das Wasser konnte also ungehindert in die Stadt und die dahinter liegenden Gebiete eindringen. So etwas wie Dämme zum Schutz vor Überflutungen gibt es in der Stadt nicht. Allerdings ist fraglich, ob Dämme bei der Wucht des Zyklons überhaupt hätten helfen können. Die Flutwelle war bis zu acht Meter hoch. Insgesamt kann man sagen, dass Mosambik unter dem Klimawandel leidet. Es gibt immer häufiger Phasen der Dürre und der großen Überschwemmungen.

BZ: Gibt es ein Frühwarnsystem, wie in asiatischen Ländern oder den USA?

Herzenstiel: Unsere Mitarbeiter haben berichtet, dass die Fischer, die in Beira am Meer leben, aufgefordert wurden, ihre Hütten zu verlassen. Auch Schulen blieben geschlossen. Ich bezweifle aber, dass die Menschen auf dem Land gewarnt wurden.