Amerika kommt nicht zur Ruhe

dpa

Von dpa

Di, 02. Juni 2020

Ausland

Präsident Trump sieht Linksradikale hinter den Unruhen.

In der Nacht zum Montag erschütterten die sechste Nacht in Folge Proteste das Land. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis kommen die Vereinigten Staaten nicht zur Ruhe. In mehreren Großstädten schlugen Proteste wieder in Ausschreitungen um. In New York, wo Tausende auf den Straßen waren, kam es in der Nacht zu Montag zu Plünderungen und zahlreichen Festnahmen. In Boston brannten Autos. Auch in Los Angeles und Philadelphia wurden Geschäfte ausgeraubt. In der Hauptstadt Washington gab es ebenfalls Randale.

Die Proteste richten sich gegen Polizeigewalt, Brutalität und Ungerechtigkeit gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Auslöser war der Tod des 46 Jahre alten George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota am Montag vergangener Woche. Einer von vier beteiligten Beamten drückte ihm acht Minuten und 46 Sekunden lang sein Knie in den Nacken. Alle Bitten des Afroamerikaners, ihn atmen zu lassen, ignorierte er. Floyds vermutlich letzte Worte "Ich kann nicht atmen" sind nun der Schlachtruf der Demonstranten.

Der Fernsehsender CNN berichtete, seither seien landesweit etwa 4000 Menschen bei Protesten festgenommen worden. Mindestens 40 Städte haben nächtliche Ausgangssperren verhängt. Davon betroffen sind etwa zehn Millionen Menschen. Mehrere Bundesstaaten haben angesichts der Proteste die Nationalgarde mobilisiert. Diese gehört zur Reserve der Streitkräfte und kann in Ausnahmesituationen zu Hilfe gerufen werden. In New York nahmen vor allem in den Stadtvierteln Brooklyn und Manhattan bis zu 6000 Menschen an Protesten teil, wie örtliche Medien unter Berufung auf Behörden berichteten. Einige Demonstranten hätten Glasflaschen und Müll auf Polizisten geworfen, Autos angezündet und Feuer in Mülleimern gelegt. Die Manhattan Bridge zwischen Brooklyn und Manhattan musste vorübergehend gesperrt werden.

In der amerikanischen Hauptstadt Washington zogen Demonstranten am Sonntagabend (Ortszeit) erneut vors Weiße Haus. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Demonstranten skandierten "Kein Frieden ohne Gerechtigkeit". Bereits in den vergangenen Tagen hatte es dort Proteste gegeben. Am Freitag musste Präsident Donald Trump deshalb zeitweise Schutz in einem unterirdischen Bunker suchen, wie mehrere US-Medien übereinstimmend aus Trumps Umfeld berichteten.

In Minneapolis fuhr am Sonntag ein Tankwagen auf einer Autobahn mit Tausenden Demonstranten in eine Menschenmenge. Der Fahrer sei festgenommen worden, so die Behörden. Die Hintergründe waren zunächst unklar. Verletzt wurde offenbar niemand. In den vergangenen Nächten war es bei Protesten in zahlreichen amerikanischen Städten zur Gewalt gekommen – von New York an der Ostküste bis Los Angeles an der Westküste. Trump forderte demokratische Bürgermeister und Gouverneure zum Durchgreifen auf. Auf Twitter schrieb er: "Legen Sie eine härtere Gangart ein."

Der republikanische Präsident macht linksradikale Gruppen für die Ausschreitungen verantwortlich, ohne Belege dafür zu liefern. Er kündigte an, die Antifa als Terrororganisation einzustufen. Details ließ er offen. Die Antifa hat keine zentrale Führungs- oder Organisationsstruktur. Zu der Gruppierung bekennen sich in den USA zahlreiche unterschiedliche linke und auch linksradikale Gruppen.

Ein schwarzer Demonstrant, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte am Sonntagabend vor dem Weißen Haus, nicht die Antifa stehe hinter den Protesten. "Das sind einfach Bürger, die die Schnauze voll haben." Auch die demokratische Kongressabgeordnete Ilhan Omar – seit langem selbst ein Ziel von Verbalattacken des Präsidenten – sagte, bei den Protesten gehe es um weit mehr als um den Fall Floyd. So viele Menschen hätten Ungerechtigkeit, Brutalität und Vernachlässigung erfahren. "Die Leute haben es satt." Nötig seien landesweite Reformen. "Dieser Präsident hat den Schmerz und die Angst, die viele seiner Bürger empfinden, nicht wirklich verstanden."

Ein Sohn des Getöteten rief dazu auf, Gewalt zu vermeiden. In einem TV-Interview mit dem CNN-Tochtersender KBTX appellierte Quincy Mason Floyd an die Demonstranten, friedlich zu bleiben. Der weiße Polizist, der für den Tod seines Vaters verantwortlich gemacht wird, soll am 8. Juni vor Gericht für eine Anhörung vorgeführt werden, wie CNN berichtete. Ihm wird Mord zur Last gelegt.

Der Polizeichef von Minneapolis, Medaria Arradondo, entschuldigte sich am Sonntagabend bei den Angehörigen. "Wenn ich irgendetwas tun könnte, um Herrn Floyd zurückzubringen, würde ich Himmel und Erde bewegen, um es zu tun", sagte Arradondo bei einem Auftritt an dem Ort, an dem Floyd getötet worden war. Arradondo hatte die vier beteiligten Polizisten entlassen.